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Rußland : Die kriminelle Maschinerie des Bürgermeisters

Darauf bestand jedoch Doronin. Nach dem Gesetz ist er verpflichtet, binnen dreißig Tagen aus der alten Wohnung auszuziehen, wenn die neue als sein Eigentum registriert ist. Er wäre sogar am gleichen Tag ausgezogen, sagt er, wenn er nur sicher hätte sein können, daß er auch wieder Eigentum erhalte. "Schließlich kann mir etwas passieren, und ich kann die neue Wohnung nicht verkaufen, belasten oder vererben, ja ich kann nicht einmal beweisen, daß es meine Wohnung ist, geschweige dann, mich unter der neuen Adresse anmelden." Also weigerte er sich, die Wohnung, die er vor sieben Jahren erworben hatte, zu räumen.

Eine halbe Stunde, nachdem die anderen Bewohner das Haus verlassen hatten, wurde das Wasser abgestellt. Zwei Stunden später brannte es im Treppenhaus. Doronins Frau alarmierte die Feuerwehr. Jemand hatte mit einem Brandbeschleuniger die Elektroleitung im Aufgang zu Doronins Wohnung angesteckt. Man solle besser ausziehen, sagte ihr ein Feuerwehrmann, man habe auch schon Brände gelöscht, bei denen Molotowcocktails in die Wohnungen eigensinniger Wohnungsbesitzer geworfen worden seien. Die herbeigerufene Miliz weigerte sich drei Tage lang, den Fall als Brandstiftung aufzunehmen. Einige Tage später versuchte man das erste Mal, die Wohnung aufzubrechen. Doronin rief abermals die Miliz. Er wartete vier Stunden. Erst als er den Notruf alarmierte, kamen die Polizisten. Doronin bat, man möge eine Alarmanlage installieren. "Haben Sie etwa noch Telefon?" fragten die Milizionäre erstaunt. Am nächsten Tag war das Telefonkabel am Haus fachmännisch gekappt.

Zwar gelang es Doronin, bei einer Notarin einen Vertrag über den Wohnungswechsel zu unterzeichnen. Der zuständige Bezirksbeamte vom Amt für Wohnungspolitik war zwar nicht zum Termin erschienen, sah sich aber später unter dem Druck der Notarin genötigt, seine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Was fehlte, war die Registrierung der neuen Wohnung als Eigentum. Mehrere Beamte des Bezirks und der übergeordneten Präfektur versprachen, daß dies bald geschehen werde, nur solle der sture Mann endlich die Wohnung räumen.

Schließlich bekannte der stellvertretende Leiter des Wohnungsamtes der Präfektur, daß das Haus, in das Doronin einziehen sollte, nicht der Stadt Moskau, sondern weiterhin der Baufirma gehöre. Also könne man auch keine Registrierung als Eigentum vornehmen. Er bestätigte das gegenüber dieser Zeitung am Telefon, weigerte sich aber, zu dem illegalen Abschluß des Vertrags über den Wohnungstausch Stellung zu nehmen. Eine offizielle Anfrage beim Moskauer Stadtkomitee für staatliche Registrierung von Immobilien und Immobilengeschäften ergab ebenfalls, daß die Stadt kein Recht auf das Haus besitzt. "Ich soll mein Eigentum an den Staat abgeben, und er bietet dafür etwas an, was ihm gar nicht gehört", empört sich Doronin. Seinen Vorschlag, man solle ihm eine Wohnung geben, die tatsächlich Eigentum der Stadt sei, lehnte man ab - man habe keine, beschied man.

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