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Russland : Die Euphorie ist abhanden gekommen

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„Freiheit für Pussy Rot“ und „OccupyMoskau“ steht auf den Ballons der Demonstranten am Samstag in Moskau Bild: dpa

Trotz des verschärften Demonstrationsrechts haben am Samstag wieder zehntausende Russen gegen Präsident Putin demonstriert. Doch selbst manche Aktivisten glauben, dass die Bewegung an Kraft verliert.

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          Es klang nicht sonderlich ermutigend, was der Schriftsteller Boris Akunin auf dem dritten „Marsch der Millionen“ am Samstag in der russischen Hauptstadt Reportern in Mikrofone und Notizblöcke diktierte: „Nichts hat sich zum (Besseren) gewendet, eigentlich ist alles noch schlimmer geworden, aber weil das so ist, bin ich hier.“ Immerhin seien es aber nicht weniger Menschen als zuvor, die demonstrieren würden. Das stimmte, obschon die Polizei wie gewohnt versuchte, die Zahl der Teilnehmer nach unten, diesmal auf „höchstens 14.000“, umzudichten.

          In Wirklichkeit waren zwischen 50.000 und 70.000 Menschen gekommen, woraus geschlossen werden könnte, dass die Verschärfung des Demonstrationsrechts mit höheren Geldstrafen vor einigen Monaten nicht allzu viele Protestierende abgeschreckt hat. Dass Putin endlich zuhöre und sein Verhalten ändere, glaube jedoch keiner mehr, schrieb Akunin am Sonntag nach dem Marsch vom Puschkinplatz über den Twerskoj Boulevard zum Sacharowplatz in seinem Blog. Er beklagte, dass der Protestbewegung die anfängliche Euphorie abhanden gekommen sei. Überdies habe sich die bisherige Form der Kundgebungen überlebt, meinte Akunin.

          Was aber wohl nicht heißt, dass er, der nach den ersten Protesten gegen die gefälschte Parlamentswahl vom Dezember die Liga der Wähler mitbegründet hatte, sich flugs wieder zum Schreiben in sein Studierzimmer in Frankreich zurückzieht. Eine zündende Idee, wie es mit dem Kampf gegen Putin weitergehen solle, hatte der Dichter jedoch auch nicht beizusteuern. Akunins letzte Anregung, die Erweiterung des Moskauer Stadtgebietes zum Anlass zu nehmen, um eine Neuwahl des Stadtparlaments zu verlangen, war im Juni während einer Großdemonstration buchstäblich ins Wasser gefallen. Statt sich in einer Umfrage zu äußern, was Grundlage für die Forderung nach einer Volksabstimmung hätte sein sollen, suchten viele Demonstranten nach jener Kundgebung fluchtartig vor dem heftigen Regen Schutz und ließen die Fragebögen ungelesen liegen.

          Ein anderer Dichter, Dmitrij Bykow, zeigte sich am Samstag wieder einmal begeistert darüber, dass es der Staatsmacht nicht gelungen sei, Liberale, Linke, und Nationalisten auseinander zu dividieren, weil ein gemeinsamer Nenner, der Kampf gegen Putins autoritäre Herrschaft, sie eine. Aber grün sind sich die Lager keineswegs und die Losungen unterscheiden sich auf geradezu feindselige Art. Zum Glück gibt es aber auf dem Twerskoj Boulevard einen breiten, von Eisengittern beiderseits abgesperrten Grünstreifen, so dass die extreme Linke und die Nationalisten nicht in Tuchfühlung gerieten, als sie dem Sacharowplatz zustrebten. Jeder konnte unbehelligt auf seiner Seite die eigene Sicht auf die russische Welt von morgen herausschreien.

          Die Kommunisten proklamierten in gewohnter Sowjetnostalgie, dass nur ein sowjetisches Russland — ohne Kapitalismus! — groß sein könne, wofür der Mann auf ihren Fahnen, Kommunistenführer Lenin, gesorgt habe. Klar, dass auf der linken Seite des Boulevards auch Zeitungen mit dem Aufmacher „Für Stalin und das Vaterland“ unters Volk gebracht wurden. Die anderen hielten es eher mit der Vorvergangenheit, in der es gegolten hatte, für den orthodoxen Glauben, den Zaren und das Vaterland einzustehen. Anarchisten und Vertreter sexueller Minderheiten hatten sich unter den Schutz der Linken geflüchtet.

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