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Russland : Das Messer in der Hosentasche

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Die Hand zum Hitlergruß: Die Szene der Ultrarechten in Russland wird auf 20.000 Jugendliche geschätzt Bild: dpa

In Russland wächst der Fremdenhass. Vor allem der auf „Schwarze“ aus dem Kaukasus oder aus Zentralasien. Hassparolen werden auf Moskaus Straßen zu blutigem Ernst. Im Kreml steht die Führung ratlos vor der zunehmenden Gewalt.

          Fuck the Caucasiens!“ – „Russen vorwärts!“ – „White Power!“ Das brüllen die Fans in Russlands Fußballstadien. Oder, auf der anderen Seite: „Allahu akbar!“ – „Kaukasus hat Kraft, Moskau wird platt gemacht!“ Nach einer Massendemonstration in der Nähe des Kremls, deren Anlass ein tödlicher „Zwischenfall“ zwischen einem Kaukasier und einem russischen Fußballfan war, wurde dieser Tage aus den Hassparolen in den Stadien auf Moskauer Straßen blutiger Ernst. Messer und Luftdruckpistolen kamen bei der russischen Jagd auf „Schwarze“ – Zentralasiaten und Kaukasier – zum Einsatz. Man blieb am besten zu Hause, wenn man „Schwarzer“ war. Im Internet riefen Unbekannte und Unidentifizierbare ihrerseits die Kaukasier zu Gegenaktionen unter der Parole „Nieder mit den Russen!“ auf.

          Mitten drin die Polizei, die kaum noch wusste, wie ihr geschah, als plötzlich eine aggressive Menge sogenannter russischer Fans vor den Kremlmauern stand, „Russland den Russen!“ brüllte und Hände sich zum Hitlergruß hoben. In den Tagen danach wurden Tausende von Jugendlichen vorbeugend festgenommen, um neue Randale zu verhindern, dann die Eltern zur Hilfe geholt. Denn die Kundschaft auf der Wache waren zum Teil noch Kinder, was der Härte, mit der die Polizisten zu Werke gingen Grenzen setzte. Und irgendjemand musste ja versuchen, die Jung-Rowdies mit den nationalistischen Sprüchen auf den Lippen und den Messern in der Hosentasche, unter Kontrolle zu bringen. Der Junge, der in Moskau dieser Tage den Mord an einem „Schwarzen“ aus Kirgistan organisierte, war gerade einmal 14 Jahre alt.

          Draufhauen im Vielvölkerstaat

          Mitten drin und ziemlich ratlos war auch das Führungstandem Präsident Medwedjew und Ministerpräsident Putin. Medwedjew, der eigentlich smarter Reformer sein will, forderte am Montag im Staatsrat: „Draufhauen, wenn sich Fremdenhass auf der Straße entlädt!“ Der Theorie nach ist Russland ein Vielvölkerstaat – insgesamt gibt es weit mehr als 100 Völkerschaften im Riesenreich –, in dem Russen, Tataren, Baschkiren oder Nordkaukasier eine „russländische Staatsnation“ bilden. Putin trauerte gar der Sowjetunion nach, weil diese bei allem Schlechten auch etwas Gutes gehabt habe: nämlich übergeordnete Werte, die die Beziehungen zwischen den Völkern und Konfessionen befriedet und das Gebäude zusammengehalten hätten. Putin schien aber vergessen zu haben, dass die Sowjetunion vor allem ein imperialer Zwangsstaat war, weshalb die angebliche Sowjetnation sofort zerbrach, die Völker der Sowjetunion auseinanderliefen und mit ihrem eigenen „Nationbuilding“ begannen, als sich vor zwei Jahrzehnten die Gelegenheit dazu bot.

          Draufhauen im Vielvölkerstaat: Extreme Gewaltausbrüche sind unter Fußballfans in Russland keine Seltenheit mehr

          Der neue Star Moskaus, Bürgermeister Sergej Sobjanin, glaubte, die rettende Idee präsentieren zu können, und schlug vor, die Armee solle die Rolle des Zuchtmeisters übernehmen, überschüssige Muskelkraft, die zu Gewaltausbrüchen tendiere, in die richtige Bahn lenken und die Unordnung in den Köpfen der Jugend zurechtrücken. Wer auf der Straße Krawall schlage, solle sofort zu den Streitkräften eingezogen werden. Das Problem ist nur, dass viele Moskauer Fans mit ultrarechten Versatzstücken im Hirn – die Szene wird auf etwa 20.000 Jugendliche geschätzt – oft noch minderjährig sind und deshalb nicht in die Kasernen weggeschlossen werden können.

          „Multikulti“ in Gefahr

          Bürgerrechtler und Oppositionelle sehen derweil „Multikulti“ in Moskau und den Vielvölkerstaat Russland in Gefahr – wegen der Ultrarechten, aber auch wegen der Ankündigung Putins, die Meldepflicht für Kaukasier in größeren Städten zu verschärfen. Diese hatte der Regierungschef ausgerechnet während eines Treffens mit den Fan-Oberen der Fußballszene geäußert, von denen einer als einer von denen identifiziert worden war, die den Arm zum Hitlergruß erhoben hatten. Am Wochenende brachte die Opposition einige tausend Moskauer auf die Beine, die für den Erhalt der Vielfalt demonstrierten. Zugleich gab es aber auch in diesem Lager Stimmen, die das Verhalten von Kaukasiern in der Hauptstadt heftig kritisierten und damit ins Horn der russischen Nationalisten stießen.

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