https://www.faz.net/-gpf-zzoa

Russland : „Amerika hat Schuld“

  • -Aktualisiert am

Russland sieht sich als Retter der südossetischen Brüder Bild: dpa

Ein Motiv wiederholt sich im russischen Fernsehen seit Tagen: russische Truppen als Friedenserzwinger - die ossetischen Brüder, die russische Staatsbürger sind, als Opfer. Nur Nischenmedien tanzen bisweilen aus der Reihe.

          2 Min.

          Der Versuch, am Sonntagabend den Fernsehkanal zu wechseln, misslingt dem Manager eines Moskauer Restaurants wegen der Proteste vieler Gäste gründlich. Statt Rockstars wollen sie sehen und hören, was Russlands ständiger Vertreter bei den UN vor dem Sicherheitsrat über den Konflikt um Südossetien zu sagen hat.

          Witalij Tschurkin enttäuscht die Hoffnungen der patriotischen Esser nicht. Kurz gefasst sagt er, Russland sei der Retter für die südossetischen Brüder, die noch dazu russische Staatsbürger seien, das einzige Land, das dem Kriegstreiber und Menschenvernichter Saakaschwili Einhalt gebiete. Wahrscheinlich seien die Amerikaner schuld an dem Kriegselend in Südossetien. Sie hätten Georgien aufgerüstet, amerikanische Militärberater drillten die Georgier. Wie könnten die Amerikaner oder die amerikanische Außenministerin Rice, die kurz vor dem Überfall auf Südossetien in Tiflis gewesen sei, allesamt von den georgischen Plänen nichts gewusst haben?

          Zustimmendes Nicken

          Im Übrigen habe der Westen - Amerika und die Nato - seinerzeit ja auch Belgrad bombardiert und militärische Ziele in ganz Serbien. Zustimmendes Nicken der meisten Gäste ist die Reaktion. Amerika ist ohnehin nicht beliebt und die monatelange Kampagne gegen Amerika aus wahltaktischen Gründen hat ein übriges getan, damit sich dass auch nicht ändert. Von Zeit zu Zeit werden Berichte eingeblendet, die das menschliche Elend, die humanitäre Katastrophe in Zchinwali, zeigen. Die Menschen im Restaurant sind ernstlich mitgenommen. Das zeigen ihre bestürzten Mienen.

          Dass es wohl auch eine politische Zielsetzung des russischen Einmarsches gibt, die über humanitäre Beweggründe hinausreicht, wird nicht erwähnt. Fragen nach Menschenrechtsverletzungen durch Russen in Tschetschenien bügelt Tschurkin ab. Tschetschenien sei ein geachtetes und prosperierendes Mitglied der Russländischen Föderation. Geachtet wie die Million Georgier in Russland, die für Saakaschwilis Untaten schließlich nicht verantwortlich seien.

          „Es lebe die ruhmreiche russische Armee!“

          Dieses Motiv wiederholt sich im russischen Fernsehen seit Tagen: russische Truppen als Friedenserzwinger, die ossetischen Brüder, die russische Staatsbürger sind, als Opfer. Nur Nischenmedien, wie der Radiosendersender „Echo Moskwy“, tanzen bisweilen aus der Reihe, wenn die Kommentatorin Julija Latynina die südossetische Regierung als einen Verein von Gangstern schildert, zu denen sie auch die aus Moskau in die Machtstrukturen der von Georgien abtrünnigen Provinz abgeordneten Geheimdienstler und Generale zählt.

          Keine vierundzwanzig Stunden später schließen andere am Montag die Reihen umso fester. Bewährte Nationalisten von der Bewegung gegen illegale Immigration suchen Plätze heim, an denen sie eine Konzentration von sich illegal in Russland aufhaltenden Georgiern vermuten. Schwarze Listen mit Wohnungen der angeblich Illegalen werden erstellt. Die Hatz auf Georgier ist offenbar freigegeben. Das gab es vor Monaten schon einmal - und Deportationen. Ultranationalist Schirinowskij von der Liberaldemokratischen Partei macht in den Medien alle Georgier, die in Russland leben zu Mitgliedern der Mafia.

          Die jungen Leute von der Jugendorganisation der Gryslow-Partei, deren Vorsitzender Putin ist, demonstrieren vor der georgischen Botschaft in Moskau. Sie rufen: Nieder mit dem Krieg! Schluss mit den Morden an unschuldigen Menschen! Südossetien und Abchasien müssen als Staaten anerkannt und Saakaschwili vor Gericht gestellt werden! Es lebe die ruhmreiche russische Armee! Georgien darf nicht in die Nato! Irgendwie passt das in russischen Augen offenbar alles zusammen.

          Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Markenzeichen der Greensill Bank in Bremen auf einem Foto aus dem Jahr 2019

          Greensill Bank : Der tückische Lockruf hoher Zinsen

          Kommunen und Anleger bangen nach der Schließung der Bremer Greensill Bank um ihre Einlagen. Die meisten haben sich wohl allein durch hohe Zinsen locken lassen. Es ist gut, dass die Verantwortung für den Sparerschutz nicht allein beim Staat liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.