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Russische Truppen in Gori : Die Angst bleibt allemal

  • -Aktualisiert am

Russische Drohgebärde am Ortseingang von Gori Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Was geschieht in der georgischen Stadt Gori? Russland sagt, seine Soldaten warteten die geordnete Übergabe ab. Aber die Polizei darf nicht in die Stadt. Ein deutsche Familie soll bei einem Angriff schwer verletzt worden sein.

          Kurz hinter der Stadtgrenze von Tiflis steht ein Polizeiwagen quer auf der Straße, Polizisten winken Autos an die Seite. Das wiederholt sich einige Male bis Ingoeti, etwa 20 Kilometer vor Gori. Kurz vor dem kleinen Ort stehen am Straßenrand einige Militärlastwagen. Auf den Türen ist das Zeichen des Roten Kreuzes aufgesprüht, doch auf den Ladeflächen sitzen Soldaten mit Maschinenpistolen.

          Im Laderaum eines offenbar russischen Armeelasters mit zerschossenen Scheiben liegen wild durcheinander Kleidungsstücke, Schuhe, Stiefel, zerbrochene Wodka-Flaschen - kaum etwas wertvolles. Einige russische Marodeure hätten sich in der Richtung geirrt und seien statt nach Gori in Richtung Tiflis gefahren, sagt ein georgischer Soldat. Sie seien jetzt im Gefängnis.

          „Warum fragt ihr nur uns und nicht eure Leute?“

          Hinter Ingoeti stehen am Straßenrand in regelmäßigen Abständen gepanzerte Fahrzeuge der Truppen des georgischen Innenministeriums. Die Reste des nach vielen Augenzeugenberichten panikartigen Rückzugs der georgischen Streitkräfte vom Montagabend sind noch nicht weggeräumt: zwei bei einem Zusammenstoß schwer beschädigte Lastwagen, ein ausgebrannter Panzer. Kurz vor der Einfahrt nach Gori stehen russische Panzer auf der Straße. Ihnen gegenüber stehen einige Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, die in die Stadt wollen, und einige Dutzend Journalisten. Den Soldaten ist angesichts der vielen Kameras sichtlich unwohl, sie wollen sich nicht auf Gespräche einlassen.

          Russische Soldaten riegeln die Zufahrt mit Panzern ab

          Journalisten georgischer Fernsehteams fragen die Soldaten, von denen viele dem Aussehen nach aus dem Nordkaukasus stammen dürften, warum sie nach Georgien eingefallen seien. „Wisst ihr, was ein Befehl ist?“, fragt einer zurück. „Ich bin einfacher Soldat.“ Die Reporterin des regierungstreuen Senders Rustawi-2 hakt nach - ob ihm denn die zivile Opfer nicht leid täten? „Natürlich - aber warum fragt ihr nur uns und nicht eure Leute? In Zchinwali habe ich die Leichen von getöteten alten Leuten gesehen.“

          Plünderungen durch ossetische Milizen - und russische Soldaten?

          Am Morgen hatte das georgische Innenministerium noch mitgeteilt, dass die Russen in der Nacht nach langen Verhandlungen zwischen Alexander Lomaja, dem Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates Georgiens, und dem russischen Kommandeur Alexander Borisow zugesagt hätten, dass sich ihre Truppen im Laufe des Tages aus Gori zurückzögen, und dass die georgische Polizei in die Stadt zurückkehren könne. In Berichten russischer Nachrichtenagenturen war zwar ebenfalls von einer Rückkehr der georgischen Polizei die Rede, doch wollten die russischen Truppen nach deren Angaben noch zwei Tage bleiben, um gemeinsam mit der georgischen Polizei die Ordnung wiederherzustellen. Die Polizei aber wurde nach Angaben des georgischen Innenministeriums nach nur zwei Stunden wieder aus der Stadt hinausbefohlen.

          Als dann am Nachmittag über Explosionen in der Umgebung von Gori berichtet wurde, kam Nervosität auf. Grund dafür waren allerdings keine neuen Kämpfe, sondern - so die georgischen Behörden - dass die russische Armee nicht explodierte Munition sprengte. Vielleicht, so der Sprecher des Innenministeriums, werde aber auch Infrastruktur zerstört und die russischen Streitkräfte hätten die georgischen Polizisten zum Verlassen der Stadt gezwungen, weil sie dabei keine Zeugen haben wollten. In Gori, wo es am Mittwoch zu Plünderungen durch ossetische Milizen und offenbar auch durch russische Soldaten gekommen ist, scheint die Lage noch nicht sicher zu sein. Bewaffnete sollen dort einem Journalisten und einem Mitarbeiter des UNHCR die Autos abgenommen haben.

          Innenministerium: Keine Zeichen neuer Spannungen

          Die Frage, wann Gori wieder frei zugänglich ist, ist für Tiflis deshalb besonders wichtig, weil die Hauptverkehrsstraße Georgiens durch die Stadt führt. Die georgische Regierung sorgt sich offenbar, dass die russischen Streitkräfte die Kontrolle über diese Strecke nicht aufgeben wollen, und damit nicht nur die Bewegungsfreiheit ihrer Sicherheitskräfte im eigenen Land einschränken, sondern auch der Wirtschaft schaden.

          In einer Mitteilung der Regierung war auch die Bombe in der Nacht von Montag auf Dienstag auf ein Werk der deutschen Firma Heidelberg Cement in Kaspi als „wirtschaftliche Kriegsführung“ bezeichnet worden. Dort soll Freitag oder Samstag die Arbeit wieder beginnen, sagt der Direktor. Technisch hätte das Zementwerk ohnehin weiterarbeiten können: Die Bombe hatte nur ein großes Loch in eine Lagerhalle gerissen, einen darunter stehenden Bagger beschädigt und die Scheiben in den umstehenden Gebäuden zerspringen lassen. Aus Angst vor weiteren Angriffen habe man aber zunächst nicht weiter gearbeitet. Möglicherweise galt der Angriff nicht dem Zementwerk: Nur wenige hundert Meter neben der Fabrik ist eine weitere Bombe knapp neben der wichtigsten Eisenbahnlinie Georgiens eingeschlagen.

          Am Nachmittag waren dann am Stadtrand von Tiflis große Ansammlungen von Truppen zu sehen. Lange Reihen von Lastwagen mit Geschützen auf den Anhängern und Busse, in denen Soldaten saßen, standen am Rand der Straße in Richtung Gori, an der sich nun auch Hunderte von zivilen Lastwagen und Personenwagen gestaut hatten, da die Polizei offenbar niemanden mehr durchließ. Ein Zeichen neuer Spannungen sei das nicht, sagte der Sprecher des Innenministeriums. Die Truppen sollten nicht nach Gori, sondern Stellungen in den Bergen der Umgebung einnehmen, zur Verteidigung der Hauptstadt: „Nur für alle Fälle.“

          Eine deutsche Familie soll Medienberichten zufolge im georgischen Krisengebiet unter Beschuss geraten sein. Ein 43 Jahre alter Mann und seine Frau seien bei einem Angriff am Dienstag schwer verletzt worden, heißt es. Ihre beiden Kinder im Alter von einem und vier Jahren hätten leichte Verletzungen erlitten.

          Der 43-Jährige stamme aus Lübeck und sei mit seiner Familie auf der Schnellstraße von der Schwarzmeerküste in Richtung der Hauptstadt Tiflis unterwegs gewesen. In der Nähe der Stadt Gori hätten Unbekannte das Auto der Familie „mit Kugeln regelrecht zersiebt“, heißt es. Der 43-Jährige sei bei dem Angriff von mehreren Kugeln getroffen worden. Ein Geschoss habe seine Lunge verletzt. Seine aus Georgien stammende Frau, die eine deutsche Staatsangehörige sei, sei von gut einem Dutzend Geschosse getroffen worden. Das Auswärtige Amt bestätigt den Berichten zufolge, zwei deutsche Staatsangehörige seien bei Gori am Dienstagabend verletzt worden, heißt es. Die beiden Deutschen seien im Krankenhaus und würden von der deutschen Botschaft betreut, habe ein Sprecher am Donnerstagabend gesagt. (ddp)

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