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Geheimdokumente für Geld : Russische Spionage in Italien aufgedeckt

Italienische Carabiniere im März in Rom (Symbolbild) Bild: EPA

Ein italienischer Fregattenkapitän soll einem russischen Diplomaten geheime Dokumente verkauft haben. Dabei handelte es sich auch um Nato-Unterlagen. Der Preis: 5000 Euro.

          3 Min.

          Ein schwerer Spionagefall belastet das Verhältnis zwischen Italien und Russland. Wie die italienischen Behörden am Mittwoch mitteilten, wurden am Dienstag ein Fregattenkapitän der italienischen Kriegsmarine und ein ranghoher russischer Armeeangehöriger im diplomatischen Dienst in Rom festgesetzt. Den beiden würden „schwere Verbrechen im Zusammenhang mit Spionage und der Staatssicherheit“ zur Last gelegt, hieß es. Die beiden Männer wurden am Dienstagabend nahe Rom von Spezialeinheiten der Carabinieri festgenommen, nachdem der Russe, bei dem es sich um einen Mitarbeiter des Militärattachés an der russischen Botschaft in Rom handelt, dem italienischen Marineoffizier im Austausch gegen streng geheime Dokumente einen Umschlag mit Bargeld übergeben hatte. Nach übereinstimmenden Berichten italienischer Medien hat es sich um 5000 Euro gehandelt. Das Geld wurde bei dem Zugriff beschlagnahmt.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Das italienische Außenministerium teilte mit, der russische Botschafter Sergej Rasow sei am Mittwochmorgen einbestellt worden. Ihm sei mitgeteilt worden, dass der vorübergehend festgesetzte Mitarbeiter des Militärattachés sowie ein anderer Botschaftsangehöriger, der ebenfalls in den Spionagefall verwickelt sein soll, wegen dieses „außerordentlich schweren Zwischenfalles“ das Land unverzüglich zu verlassen hätten. Das Außenministerium in Moskau bedauerte die Ausweisung der beiden Mitarbeiter. „Über mögliche Schritte im Zusammenhang mit dieser Aktion, die nicht dem Niveau der bilateralen Beziehungen entspricht, äußern wir uns zu einem späteren Zeitpunkt im Einzelnen“, teilte das Ministerium am Mittwoch mit.

          Zehn Jahre Haft drohen

          Moskau pflegt auf die Ausweisung russischer Diplomaten mit der Ausweisung der gleichen Zahl von Diplomaten des betreffenden Landes zu reagieren. Der italienische Außenminister Luigi Di Maio bedankte sich in einer Mitteilung auf Facebook bei „unseren Geheimdiensten und allen anderen Behörden, die Tag um Tag die Sicherheit unseres Landes verteidigen“.

          Zu den streng geheimen Dokumenten, die der Fregattenkapitän dem russischen Offizier im diplomatischen Dienst übergeben hat, sollen auch Nato-Unterlagen gehört haben. Nach Medienberichten hat es sich dabei um Dokumente zum System der geschützten internen Telekommunikation des Bündnisses sowie um geheimes Kartenmaterial gehandelt. Möglicherweise ist durch den Spionagefall nicht nur die nationale Sicherheit Italiens, sondern auch die anderer Nato-Mitgliedstaaten betroffen.

          Dem italienischen Fregattenkapitän, der sich vor einem Militärgericht verantworten muss, drohen im Falle einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft. Dem Zugriff war die monatelange Überwachung der beiden Verdächtigen durch die italienischen Geheimdienste vorausgegangen. Rom und Moskau unterhalten seit Jahren enge diplomatische Beziehungen. Im vergangenen März hatte Moskau in einer Art humanitärer Luftbrücke medizinisches und technisches Personal, Beatmungsgeräte für Corona-Patienten sowie Atemschutzmasken und Schutzanzüge für Ärzte und Pfleger nach Italien bringen lassen.

          Tests in Rom

          Die Hilfsgüter wurden mit russischen Militärfahrzeugen vom italienischen Militärflughafen Pratica di Mare nahe Rom in die Lombardei gebracht. Auf der Front und an den Türen der Fahrzeuge waren Aufkleber mit zwei dicken Herzen in den russischen und italienischen Landesfarben angebracht. Darauf war zu lesen, auf Russisch, Englisch und Italienisch: „Aus Russland mit Liebe“ – eine Anspielung auf den James-Bond-Film „From Russia with Love“ von 1963, der in den deutschen Kinos unter dem Titel „Liebesgrüße aus Moskau“ lief.

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          Die rechtsnationalistische Partei Lega des früheren italienischen Innenministers Matteo Salvini unterhält seit Jahren freundschaftliche Beziehungen zum Kreml sowie zu politischen Führungsfiguren im unmittelbaren Umkreis Putins. Zuletzt warb Russland erfolgreich in Italien für den Einsatz des russischen Covid-19-Impfstoffs Sputnik V. Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi zeigte sich jüngst betont offen für einen Einsatz des russischen Vakzins, sofern dieses von der Europäischen Arzneimittelbehörde Ema zugelassen werde. „Hier geht es um die Gesundheit. Wenn die europäische Zusammenarbeit funktioniert, gut. Wenn nicht, dann müssen wir zum Alleingang bereit sein. Das ist Pragmatismus“, sagte Draghi.

          In der auf Infektionskrankheiten spezialisierten Klinik „Lazzaro Spallanzani“ in Rom führen italienische und russische Forscher Tests mit Sputnik V durch. Bei den gemeinsamen Labortests soll die Wirksamkeit des russischen Impfstoffs bei den britischen, brasilianischen und südafrikanischen Varianten des Coronavirus erforscht werden. Außerdem finden klinische Tests statt, bei welchen an Freiwillige Sputnik V in Kombination mit dem noch nicht zugelassenen Impfstoff des italienischen Herstellers ReiThera sowie mit den Vakzinen von Biontech-Pfizer und Moderna verabreicht werden.

          Der Vorfall von Rom ist nur der jüngste in einer Serie von russischen Spionage-Fällen in europäischen Staaten. Die Regierung in Sofia gab am 19. März bekannt, dass gegen mehrere bulgarische Staatsbürger wegen des Verdachts der Spionage für Moskau ermittelt werde. Im Dezember hatten die Niederlande zwei russische Diplomaten wegen des Vorwurfs der Spionage des Landes verwiesen.

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