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Machtpolitik im Nahen Osten : Ein russisch-iranisches Eurasien

Jenseits der Politiker und Militärs Irans und Russlands kommen sich auch die Ideologen näher. In Qom, dem Zentrum der schiitischen Theologen Irans, tauschen sich regelmäßig Schüler des russischen Philosophen Alexander Dugin mit führenden Ajatollahs wie Dschawadi Amoli und Taqi Mesbah Yazdi aus, die zu den entschiedensten Kritikern des Westens unter den Religionsgelehrten Irans zählen. Dugin lehnt den Liberalismus und westliche Werte ab, sein Ziel ist eine neue eurasische Weltordnung. In den iranisch-russischen Gesprächen finde man Antworten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts, die im Westen noch gar nicht gestellt würden, sagt Anbarlui.

Bedrohung für die Vereinigten Staaten und Israel

In dieser Neuordnung versteht sich Iran als der Partner Russlands, der diese Vision im Nahen Osten durchsetzt. Als weiteren Partner sieht Iran die Türkei. Schließlich habe Ankara verstanden, dass eine Teilung Syriens die Teilung der Türkei zur Folge habe. Daher kämpften Teheran und Ankara für den Erhalt des syrischen Staats, sagt der Abgeordnete Dschamali. Eine besondere Rolle weist Anbarlui, der Vordenker der Hardliner, China und dessen „neuer Seidenstraße“ zu. China sei Teil der neuen Weltordnung, strebe aber nicht nach einer militärischen Hegemonie und setze nicht auf militärische Gewalt, sagt Anbarlui. Vielmehr bedrohe China mit wirtschaftlichen Mitteln die amerikanische Hegemonie.

Gesprächspartner in Teheran weisen den Begriff eines „schiitischen Halbmonds“ von Teheran über Bagdad und Damaskus ans Mittelmeer zurück. Denn bei Irans Politik handle es sich um einen „islamischen Widerstand“, der nicht zwischen Sunniten und Schiiten unterscheide, behauptet Anbarlui. Die Islamische Republik Iran sei daher keine Bedrohung für Saudi-Arabien, sondern lediglich – und das seit der Revolution von 1979 – für die Vereinigten Staaten und für Israel. Frieden mit Saudi-Arabien sei möglich, sobald das Königreich nicht mehr im Auftrag Amerikas der Polizist für den Nahen Osten sein wolle.

Mit seinem Ausgreifen bis ans Mittelmeer und weit jenseits seiner Grenzen verhält sich Iran wie eine imperiale Macht. Syrien ist dabei ein wichtiger Baustein, denn Iran will es zu einem „zweiten Libanon“ machen – mit politischem Vetorecht und einer militärischen Präsenz Teherans. Die ist gegen Israel gerichtet, von dem Dschamali sagt, es habe seit der Revolution in Iran keinen Quadratzentimeter islamischen Bodens mehr besetzen können. Sein Raketenprogramm begründet Iran jedoch weniger mit Israel als mit Amerika. Solange Amerika Iran bedrohe, brauche Iran abschreckende Waffen; Iran müsse in der Lage sein, jeden amerikanischen Flugzeugträger im Mittelmeer zu treffen, sagt Dschamali. Hätte Iran in den achtziger Jahren über Raketen verfügt, hätte Saddam Hussein das Land nicht überfallen, lautet die Rechtfertigung.

Aufgrund der ideologischen Nähe zu Russland und eigener militärischer Stärke kommt den Hardlinern in Teheran die Drohung von Präsident Trump, das Atomabkommen aufzukündigen, gelegen. Denn sie sehen die Chance, in einem Krieg, sollte er unvermeidlich und möglicherweise lang werden, den Rückzug Amerikas aus dem Nahen Osten zu beschleunigen.

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