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Russen in Washington : Heiße Luft im Kalten Krieg

  • -Aktualisiert am

Ein Klotz: Die russische Botschaft in Washington Bild: AFP

Seit dem Fall Skripal ist das Verhältnis zwischen Amerika und Russland angeknackst. Auf das alltägliche Leben in der amerikanischen Hauptstadt hat das jedoch kaum Einfluss. Ein Stadtrundgang.

          Kurz vor Ostern hatte sich der Winter allmählich verabschiedet, in Washington warteten die Touristen am Lincoln Memorial auf den Höhepunkt der berühmten Kirschblüte, als es in der Stadt plötzlich noch einmal sehr, sehr kalt wurde: Als direkte Reaktion auf den Giftanschlag gegen den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Großbritannien reagierte das Weiße Haus ungewohnt scharf und ordnete die unverzügliche Ausweisung 60 russischer Diplomaten an.

          „Die heutige Maßnahme trägt dazu bei, dass die Vereinigten Staaten sich sicherer fühlen können. Durch die Ausweisung verringert sich die Möglichkeit russischer Spionageaktionen, die Amerikas nationale Sicherheit bedrohen“, hieß es in einer Pressemitteilung. Der Hauch von Klassenfeindrhetorik, der in dem Statement mitschwang, überraschte insofern, als dass Donald Trump sich bis dato nicht als Kreml-Kritiker aufgedrängt hatte.

          Ein paar Tage später, 15 Autominuten vom Weißen Haus entfernt. In der St. Nicholas Cathedral neigt sich der Sonntagsgottesdienst dem Ende entgegen. Bis auf einige ältere Männer und Frauen mit Kindern sitzt niemand in der Kirche. Ein paar kleine Mädchen laufen zwischen den müden Erwachsenenbeinen umher, während die Fürbitten in sieben verschiedenen Sprachen gehalten werden. Die Gemeinde im Botschaftsviertel der Stadt wurde 1930 von der russisch-orthodoxen Kirche gegründet, heute kommen viele russische und osteuropäische Einwanderer erster und zweiter Generation hier her.

          So auch Anastasia. Sie lebt seit 2012 in Amerika, stammt gebürtig aus St. Petersburg. Ihr Mann ist Amerikaner, sie haben eine kleine Tochter. „Ich besitze beide Staatsbürgerschaften“, erzählt Anastasia im Anschluss an den Gottesdienst, „aber ich passe mich immer an, wo ich gerade bin.“ Wo ist der Unterschied? „Ich bin offener hier, in Russland etwas zurückhaltender. In Amerika ist es einfacher, im Supermarkt ins Gespräch zu kommen.“ Politik verfolge sie nur bedingt, sagt sie. Eine russlandfeindliche Stimmung spürt sie nicht, „außer manchmal im Netz.“ Es sei ein bisschen schwieriger geworden für ihren Mann und ihre russische Familie, ein Visum für das jeweilige Land zu bekommen.

          Der Priester steht nach der Messe zwischen den Gemeindemitgliedern, begrüßt einzelne Männer mit flüchtigen Luftküssen – rechts, dann links, dann wieder rechts. „Christus ist auferstanden“, sagt er. „Er ist in der Tat auferstanden, Pater“, antworten die Männer.

          Ein Novum

          Diplomatie hat hat viel mit Strategie und wenig mit Glauben zu tun. Und so wollte Theresa May nach dem Anschlag auf Sergej Skripal wohl nicht auch die andere Wange hinhalten. „Mit diesen aggressiven Aktionen stellt sich Präsident Putins Regime gegen unsere gemeinsamen Werte“, sagte die britische Premierministerin nach dem Vorfall in einer Erklärung im Parlament. 14 EU-Staaten, die Ukraine, Kanada und Amerika schlossen sich daraufhin Großbritannien an und wiesen insgesamt mehr als 100 russische Diplomaten aus, 60 davon mussten die Vereinigten Staaten verlassen.

          Dieser Kritik schloss sich auch Donald Trump an. Zum ersten Mal attackierte er den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich. „Viele Tote, darunter Frauen und Kinder, ein sinnloser CHEMIE-Angriff in Syrien (…) Präsident Putin, Russland, und Iran sind verantwortlich, weil sie das Tier Assad unterstützen“, schrieb er auf Twitter. Ein Tweet, der – kurz nach dem Vorfall in Duma – den Grad der Verspannung noch einmal erhöhte.

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