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Rumänien : Ministerpräsident Ponta bestreitet Plagiat

  • -Aktualisiert am

Plagiate auf 130 von 300 Seiten: Victor Ponta Bild: dapd

Hat Rumäniens Ministerpräsident seine Doktorarbeit abgeschrieben? Victor Ponta sieht sich als Opfer einer Intrige durch Präsident Basescu. Der Vorwurf des Plagiats stützt sich indes auf einen Vergleich von Texten, die der F.A.Z. vorliegen.

          Der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta wehrt sich gegen den Vorwurf, weite Teile seiner 2003 an der Universität Bukarest eingereichten rechtswissenschaftlichen Dissertation abgeschrieben zu haben. In einer ersten Reaktion auf die am Montag Abend veröffentlichten Berichte dieser Zeitung und des britischen Wissenschaftsjournals „Nature“ sagte Ponta, er sei jederzeit bereit, vor einer wissenschaftlichen Kommission die Haltlosigkeit der Anschuldigungen nachzuweisen. Zurücktreten werde er nicht.

          Laut der rumänischen Nachrichtenagentur Hotnews.ro warf der sozialdemokratische Ministerpräsident Präsident Traian Basescu vor, die Affäre provoziert zu haben, um ihn mit Hilfe ausländischer Medien zu diskreditieren. Das seien Methoden, wie sie der kommunistische Geheimdienst Securitate angewendet habe. Die Intrige stehe im Zusammenhang mit dem Streit, ob er oder Basescu Rumänien auf dem Ende Juni stattfindenden EU-Gipfel in Brüssel vertreten solle. Einen Hinweis habe ihm Basescu selbst gegeben, als er ihn kürzlich ironisch als „dottore“ tituliert habe. Dem renommierten britischen Wissenschaftsjournal „Nature“ sprach Ponta die Kompetenz ab, sich zu einer rechtswissenschaftlichen Dissertation zu äußern, da es auf Naturwissenschaften spezialisiert sei. Zudem habe ein Berater Basescus, der frühere Unterrichtsminister Daniel Funeriu, „Nature“ in der Vergangenheit mehrmals Interviews gegeben.

          Den Vorwurf des Plagiats wies Ponta am Dienstag mit dem Argument zurück, alle Werke, die er benutzt habe, habe er ins Literaturverzeichnis aufgenommen. Man könne nur kritisieren, dass er sie nicht jeweils in einer Fußnote auf der entsprechenden Seite, sondern erst am Ende der Dissertation angeführt habe. Als Plagiat gilt auch in Rumänien jede Übernahme fremder Texte, die nicht als Zitat gekennzeichnet ist. Ponta hatte nicht nur auf die Anführungszeichen verzichtet, seine Dissertation enthält auch keine Endnoten mit Quellenangaben zu den einzelnen Textabschnitten.

          Plagiate auf 130 von 300 Seiten

          Der Vorwurf des Plagiats stützt sich auf einen Vergleich von Texten, die dieser Zeitung als Faksimile vorliegen. Die Überprüfung ergab, dass ganze Abschnitte von Pontas Dissertation über den Internationalen Strafgerichtshof (Curtea Penală Internațională, 2003, Teză de doctorat) nahezu wortwörtlich aus unterschiedlichen Quellen übernommen und nicht als Zitate ausgewiesen wurden. Die Plagiate erstrecken sich auf etwa 130 von rund 300 Seiten - das Inhalts- und das Literaturverzeichnis, die im Anhang beigefügten Dokumente sowie das Vorwort seines Dissertationsvaters nicht mitgerechnet. Ponta nützte ausführlich mehrere rechtswissenschaftliche Werke, darunter Dumitru Diaconu: „Curtea Penală Internațională, Istorie şi realitate“ (Der Internationale Strafgerichtshof. Geschichte und Realität), Bukarest 1999; Ion Diaconu: „The International Criminal Court: A New Stage“, Bukarest 2002; Vasile Crețu: „Drept Internațional Penal“ (Das internationale Strafrecht), Bukarest 1996. Nicht gekennzeichnet hatte er auch die Übernahme von Auszügen aus Artikeln der rumänischen Tageszeitungen „Romania libera“ und „Adevarul“ sowie der französischen Zeitschrift „Le Monde diplomatique“.

          2004 wurde die Dissertation mit geringfügigen Änderungen von einem Verlag publiziert, weite Teile der plagiierten Texte sind zudem in ein weiteres Buch eingegangen, das Ponta 2010 veröffentlichte. Die Fremdtexte wurden also gleich dreimal so verwendet, dass der Anschein entstand, sie seien das Produkt einer eigenständigen wissenschaftlichen Leistung.

          Ponta hatte seine Dissertation 2003 eingereicht. Betreut wurde sie vom damaligen Ministerpräsidenten Adrian Nastase, Professor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät, der zurzeit unter der Anklage der Korruption vor Gericht steht. Der 1972 geborene Ponta war von 1995 bis 2001 Staatsanwalt. Von 2001 bis 2004 gehörte er der Regierung Nastase als Staatssekretär an, 2002 bis 2006 leitete er daneben die Jugendorganisation der sozialdemokratischen PSD. Seit Februar 2010 ist er Parteivorsitzender der PSD, nach dem Sturz der konservativen Regierung Ungureanu ernannte ihn Präsident Traian Basescu am 27. April zum Ministerpräsidenten.

          Reaktion der Öffentlichkeit abwarten

          In dieser Funktion scheiterte er zweimal bei der Besetzung des Postens des Unterrichtsministers, und in beiden Fällen aufgrund von Plagiatsaffären. Seine erste Wahl war Carina Dumitrescu gewesen, die Rektorin der privaten Dimitrie-Cantemir-Universität, an der auch Nastase unterrichtet, die zweite der PSD-Senator Ion Mang. Während bei Dumitrescu noch andere Skandale zum Vorschein traten, scheiterte Mang ausschließlich daran, dass er wissenschaftliche Arbeiten anderer als seine eigenen ausgegeben hatte. Auffällig an dem Krisenmanagement des jungen Ministerpräsidenten war, dass er sich bei der Entlassung Mangs viel Zeit ließ. Es wird vermutet, dass er abwarten wollte, wie die Öffentlichkeit auf Plagiatsvorwürfe reagiert. Nach eigenen Angaben denkt Ponta nicht an Rücktritt. Von welcher Funktion sollte er denn zurücktreten, sagte er am Dienstag auf eine diesbezügliche Frage: „Von der Funktion eines Doktors?“

          Ein Umstand verdient besondere Aufmerksamkeit: Der von Ponta inzwischen interimistisch eingesetzte Unterrichtsminister Liviu Pop wechselte überraschend die Mitglieder der Ethik-Kommission aus, die für die Überprüfung von Plagiatsvorwürfen herangezogen wird. Noch nie zuvor waren die auf vier Jahre bestellten Mitglieder dieser Kommission vorzeitig entlassen worden. Im Zuge der Unterrichtsreform hatte die konservative Regierung Boc sehr strenge Regeln zur Verfolgung und Ahndung von Plagiaten durchgesetzt: gegen den heftigen Widerstand der damals noch oppositionellen PSD.

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