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Ruhe in der Ostukraine : Das Machtwort des Oligarchen

Rinat Achmetow: Beschäftigt 46.000 von 500.000 Einwohnern in Mariupol Bild: dpa

In Mariupol gab es noch am Wochenende blutige Gefechte. Doch auf einmal herrscht Ruhe. Offenbar hat der Oligarch Rinat Achmetow seiner Tatenlosigkeit ein Ende gesetzt – und ein Machtwort gesprochen.

          3 Min.

          Als wäre nichts gewesen: In Mariupol, wo es noch am Wochenende so schien, als würde der Ukraine-Konflikt hier einem neuen blutigen Höhepunkt entgegenstreben, strahlt am Mittwoch sonniger Frühling. Wo noch am Wochenende Tote auf den Straßen lagen, wo ein Schützenpanzer mit einer gewaltigen Detonation vor dem Rathaus explodiert war, wo die Polizei tagelang wie vom Erdboden verschluckt schien und nachts betrunkene Marodeure durch die Straßen zogen, herrscht ruhiger Alltag.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Blut ist vom Trottoir gewischt, Arbeiter schaffen die verkohlten Barrikaden von den Straßen, Passanten gehen in der Maisonne gemächlich ihren Geschäften nach in der Hafenstadt am Asowschen Meer, die sonst von beißendem Industrierauch verhüllt ist. Wie in so vielen anderen Städten des ostukrainischen Kohlereviers Donbass war das Rathaus von Mariupol seit Mitte April wochenlang in den Händen prorussischer Aufständischer gewesen. Am 9. Mai aber war es unvermittelt zu verlustreichen Gefechten mit ukrainischen Regierungstruppen gekommen.

          Der König der Stadt

          Wer die Fundamente der Stadt mit eigenen Augen sehen will, sollte sich Mariupol von der Seeseite nähern. Er wird dann hoch über den Kaimauern „Asowstal“ aufragen sehen: ein schwarzes Stahlwerk der industriellen Dinosaurierzeit, ein Albtraumschloss der sowjetischen Fünfjahrespläne unter einer schweren Krone schwefligen Qualms. Asowstal und seine Schwesterhütte „Iljitsch“ am anderen Ende der Stadt, diese beiden Kolosse machen zusammen mit dem ihnen angegliederten Reparaturwerk das Herz Mariupols aus. 46.000 von knapp 500.000 Einwohnern arbeiten hier.

          Der Besitzer dieses Konglomerats, der Donezker Oligarch Rinat Achmetow, ist damit der König der Stadt. Von diesen beiden Industriekathedralen nun scheint der erstaunliche Friede ausgeströmt zu sein, der am Mittwoch in Mariupol herrscht. Konstantin Wojzechowskij, der Personalchef von „Asowstal“, erläutert, wie das gekommen ist: „Auf Wunsch der Arbeiter“ hätten sich die Generaldirektoren der örtlichen Achmetow-Unternehmen nach den Ereignissen der vergangenen Tage mit der Stadtverwaltung, mit der Polizei und mit den bewaffneten Separatisten von der sogenannten „Volksrepublik Donezk“ „zusammengesetzt“.

          Arbeiterbrigade: Männer aus den Stahlwerken des Oligarchen helfen beim Aufräumen am Rathaus

          Ohne viel Mühe hätten sie diese schließlich davon überzeugt, „Frieden zu halten“. Seither seien insgesamt dreihundert bis vierhundert unbewaffnete Freiwillige von „Iljitsch“ und „Asowstal“ in der Stadt im Einsatz. Die Plünderungen und die Alkoholexzesse hätten aufgehört. Ein Streifzug durch Mariupol scheint das zu bestätigen. Die Polizei, die zeitweise weggetaut war wie Schnee im Frühlingswind, war wieder auf den Straßen – immer je zwei Polizisten und zwei Arbeiter in grauroten Werksoveralls im selben Trupp. Waffen waren keine zu sehen, und am ausgebrannten Rathaus räumten Freiwillige in den gleichen grauroten Overalls qualmenden Schutt in Lastwagen.

          Die Befriedung von Mariupol ist das vielleicht erste entscheidende Auftreten des Oligarchen Achmetow im Kampf ums Donbass. Wochenlang fragte man sich hier, warum dieser Multimilliardär, dessen Konzern SKM in seinen Hütten und Gruben 300.000 Menschen beschäftigt, nicht schon früher eingegriffen hat. Achmetow versicherte zwar stets, er sei für den Verbleib des Donbass bei der Ukraine und gegen den Anschluss an Russland, aber die scheinbare Passivität, mit welcher er die bewaffneten Separatisten in „seinem“ Donbass gewähren ließ, nährte Zweifel.

          Sein Spiel ist in eine neue Phase getreten

          Fachleute sagten, er lasse die Kämpfer gewähren, um durch das Chaos im Lande die neue prowestliche Führung in Kiew, die eigentlich versprochen hat, Oligarchen wie ihn zu bekämpfen, unter Druck zu setzen. Andere verwiesen zur Erklärung seiner Tatenlosigkeit auf die Abhängigkeit seines Konzerns vom russischen Markt und auf die Notwendigkeit, seine Schiffe durch die seit der Annexion der Krim wieder von Moskau beherrschte „Enge von Kertsch“ am Ausgang des Asowschen Meeres zu bringen. Viele glaubten deshalb, er spiele über Bande, um im Konflikt zwischen Separatisten und Kiew zuletzt alle auszumanövrieren.

          Wie dem auch sei: Mit dem Einsatz seiner Arbeiterbrigaden in Mariupol ist sein Spiel in eine neue Phase getreten – und offenbar sollen weitere solcher Einsätze folgen. Achmetows Stahlholding „Metinvest“ jedenfalls hat angekündigt, dass auf „Initiative der Arbeiter“ die Stahlhütten von Jenakijewo und Makijewka, die Kokerei Awdejewka sowie das Röhrenwerk Charzysk ebenfalls Arbeitertrupps aufstellen würden.

          Noch hat Achmetows neues, entschiedeneres Auftreten nicht alle überzeugt: Sergej Paschinskij, der Kanzleichef des ukrainischen Interimspräsidenten Oleksandr Turtschinow jedenfalls hat schon sein Missfallen über das Auftreten von Privatarmeen zu Protokoll gegeben. Andere scheinen dagegen mehr Hoffnungen auf den Oligarchen zu setzen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier jedenfalls hat sich während seines Ukraine-Besuches am Dienstag mit dem Stahlmagnaten getroffen, und von ihm, wie in dessen Umgebung bestätigt wird, das Versprechen gehört, er werde alles tun, damit die vom Chaos bedrohte ukrainische Präsidentenwahl vom 25. Mai auch im Donbass zum Erfolg werde. Zwischen den beiden, hieß es in Donezk, herrsche „Vertrauen“.

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