https://www.faz.net/-gpf-91cyx

Kritik an Erdogan wächst : Der Ruf nach Sanktionen wird lauter

  • Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Pressekonferenz im Februar in Ankara Bild: dpa

Während immer mehr Politiker eine offizielle Reisewarnung für die Türkei fordern, sind bislang kaum Details zu den Festnahmen in Antalya bekannt. Doch in den türkischen Medien kursiert ein Verdacht.

          Kaum eine Woche vergeht, in der das angespannte deutsch-türkische Verhältnis nicht nur neue Provokationen belastet würde. Nach der jüngsten Festnahme zweier Deutscher bei der Einreise in die Türkei werden die Forderungen nach einem schärferen Kurs gegenüber Ankara immer lauter – parteiübergreifend. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte am Freitag ein entschiedenes Vorgehen an, Politiker verschiedener Parteien drangen auf eine offizielle Reisewarnung für die Türkei.

          Über die Hintergründe der Festnahme am Flughafen der südtürkischen Großstadt Antalya ist aber immer noch wenig bekannt. Die beiden Reisenden besitzen nach Angaben des Auswärtigen Amtes ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft, haben aber wahrscheinlich türkische Wurzeln.

          Wie die türkische Nachrichtenagentur DHA berichtete, werden die Festgenommenen verdächtigt, Verbindungen zur Bewegung des Predigers Fetullah Gülen zu haben. Diesen macht die Türkei für den gescheiterten Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich. In türkischen Medien kursierten die abgekürzten Namen der Festgenommen, K.A. und S.A. Sie wurden demnach bereits einer Gesundheitskontrolle unterzogen und sind im Polizeipräsidium von Antalya in Gewahrsam.

          Das Auswärtige Amt geht nach ersten Informationen davon aus, dass sie – wie zehn andere in den vergangenen Monaten inhaftierte Deutsche – aus politischen Gründen festgenommen wurden. Ihnen wird in der Regel Unterstützung von Terroristen vorgeworfen. Dem Generalkonsulat wurde der telefonische Kontakt zu den beiden Festgenommenen nach Angaben des Auswärtigen Amts zunächst verwehrt.

          Derzeit sind nach Angaben des Auswärtigen Amts 55 deutsche Staatsangehörige in türkischer Haft oder in Polizeigewahrsam. Der bekannteste Gefangene ist der deutsch-türkische „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel.  Die Türkei hat seit dem gescheiterten Putsch von 2016 Zehntausende Menschen unter dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung inhaftiert.

          Ankara wollte Vermögen in Deutschland einfrieren lassen

          Unterdessen wurde bekannt, dass die türkische Regierung offenbar versuchte, im Kampf gegen die oppositionelle Gülen-Bewegung die Vermögen der Organisation und ihrer Mitglieder in Deutschland einfrieren zu lassen. Das Auswärtige Amt habe Ende April eine entsprechende Verbalnote erhalten, berichtete das Nachrichtenmagazin „Spiegel“.

          Mit der türkischen Forderung habe das Außenamt auch eine Liste mit rund 80 Türken aus Deutschland erhalten, die angeblich der Gülen-Bewegung angehören sollen. Bisher war dem „Spiegel“ zufolge lediglich bekannt, dass die Türkei auch in Deutschland eine strafrechtliche Verfolgung vermeintlicher Staatsfeinde durchsetzen wollte.

          Bundeskanzlerin Merkel verurteilte die Festnahme der zwei deutschen Staatsbürger am Freitagabend in Nürnberg scharf, sie hätten „in den allermeisten Fällen keinerlei Grundlage“. Sie kündigte eine entschiedene Reaktion an und sagte, die Bundesregierung werde ihre Türkei-Politik „vielleicht weiter überdenken“.

          Politiker mehrerer Parteien forderten, eine Reisewarnung für die Türkei zu erlassen, nachdem bislang nur die Reisehinweise verschärft worden waren.  Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt (CDU), sagte der „Welt“ vom Samstag. „Sollte es sich bewahrheiten, dass die Festnahme willkürlich und ohne triftigen, rechtsstaatlichen Verfahren standhaltenden Grund erfolgte, so muss eine weitere Verschärfung der Reisehinweise ernsthaft erwogen werden.“ Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte eine Verschärfung der Reisehinweise für das Land vorgeschlagen, für das der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist.

          „Die Zeit des Kuschelns ist vorbei“

          Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir erklärte: „Die Zeit des Kuschelns ist vorbei.“ Es müsse jetzt klare Ansagen der Bundesregierung in Richtung Ankara geben: „Keine Ausweitung der Zollunion, keine Hermesbürgschaften.“ Touristen müssten ihre Reisen außerdem kostenfrei stornieren können. „Dafür braucht es die Reisewarnung.“

          Im „Münchner Merkur“ vom Samstag nannte Grünen-Spitzenkandidat Özdemir Erdogan einen „Geiselnehmer, der Menschen gefangen nimmt, um uns zu erpressen“. Man dürfe ihm nicht sanft begegnen. „Die einzige Sprache, die er versteht, ist die Sprache des Geldes.“

          Auch CSU-Chef Horst Seehofer forderte deutliche Signale.„Jetzt reicht’s. Es ist eine Serie von Verstößen gegen europäische Grundgedanken, gegen die Rechtsstaatlichkeit“, sagte CSU-Chef Horst Seehofer den „Nürnberger Nachrichten“ vom Samstag. Alle diplomatischen Bemühungen seien gescheitert. „Deshalb müssen die EU und die Bundesregierung deutliche Signale setzen“, sagte der bayerische Ministerpräsident. Die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei müssten gestoppt werden, die Finanzhilfen für die Vorbereitung auf diesen Beitritt dürften nicht ausgezahlt werden. Das seien 4,2 Milliarden Euro in den kommenden Jahren.

          „Wie lange wollen wir uns das noch ansehen?“, sagte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner bei einer Wahlkampfveranstaltung am Freitagabend in Hamburg. Mit Blick auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ergänzte er: „Jedes Entgegenkommen für diesen Mann ist ein Tritt in die Kniekehlen der demokratischen Opposition.“ Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte Lindner: „Herr Erdogan versteht nur die Sprache der Härte.“

          „Die Beschwichtigungspolitik von Kanzlerin Merkel und Außenminister Gabriel muss vollständig beendet werden“, forderte die Linke-Politikerin Sevim Dagdelen in der „Bild“-Zeitung.

          Weitere Themen

          Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

          Es klemmt beim Brexit Video-Seite öffnen

          May auf Europareise : Es klemmt beim Brexit

          Am Montag hatte May die geplante Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus vorerst abgesagt, da sie nicht mit der erforderlichen Mehrheit für die Austritts-Vereinbarung rechnen konnte.

          Saalverweis für Abgeordneten Video-Seite öffnen

          Britisches Unterhaus : Saalverweis für Abgeordneten

          Nach Premierministerin Mays Entscheidung die Abstimmung über den Brexit-Deal zu verschieben unterbrach ein Abgeordneter die Sitzung im Parlament und wurde des Saales verwiesen.

          Topmeldungen

          Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz

          Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

          Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

          Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

          So wird das Wetter : Winter is coming

          In Deutschland wird es in den nächsten Tagen frostig, glatt – und es fällt Schnee. Im höheren Bergland sinken die Temperaturen sogar auf bis zu minus zehn Grad.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.