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Rüstungsgeschäfte : Waffen für die Saudis

  • -Aktualisiert am

Bild: mayk

Schon in der Vergangenheit strebte Riad nach deutschen Panzern. Für die innere Machtausübung werden sie nicht benötigt. Sie sollen der Landesverteidigung dienen.

          3 Min.

          Saudi-Arabien hat neben Israel die am besten gerüsteten, aber nicht die stärksten Streitkräfte im Nahen und Mittleren Osten; es hat lange Küsten und eine starke, aber ferne Schutzmacht, Amerika. An Kriegen hat es seit dem Ersten Weltkrieg und nach der Gründung des saudischen Königreichs bisher nicht teilgenommen. Aber es hat Kriege und Aufstände finanziert und auch indirekt unterstützt - wie die der Palästinenser gegen die israelische Besatzung oder die gegenwärtige Rebellion in Syrien gegen das Assad-Regime.

          Zu Deutschland besteht ein enges und politisch freundschaftliches Verhältnis. So hat in den Krisenzeiten der sechziger und siebziger Jahre Riad die deutsche Währung unter anderem mit Krediten unterstützt. Bundeskanzler Helmut Schmidt, der zuvor Finanz- und Wirtschaftsminister wie Verteidigungsminister war, legte in seiner Regierungszeit stets großen Wert auf diese ökonomisch und sicherheitspolitisch wertvolle, darum durchaus strategische Partnerschaft. Die von König Chalid gewünschte Lieferung deutscher „Leopard“-Kampfpanzer konnte Schmidt allerdings nicht zusagen, obwohl Washington schon seit der Carter-Präsidentschaft dies befürwortet hatte und Präsident Reagan dieses Drängen verstärkte. Der Widerstand in der sozialliberalen Regierungskoalition war zu groß. Er galt sowohl der Sicherheit Israels als auch den inneren Verhältnissen Saudi-Arabiens unter der absoluten Monarchie des Hauses Saud, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Schutzklient und regionalstrategischer Partner Amerikas am Persischen Golf war.

          Auch heute wird der saudische Wunsch nach deutschen „Leopard-2“-Panzern von Washington unterstützt, obwohl Amerika selbst der mit Abstand größte Waffenlieferant Saudi-Arabiens ist; im Oktober 2010 wurde ein Abkommen mit Riad über militärische Ausrüstungslieferungen im Wert von etwa 60 Milliarden Dollar vereinbart.

          Riad plant mit 200 deutschen Kampfpanzern

          Die saudische Armee (ohne die „Nationalgarde“, eine Art Palastwache und Schutztruppe des Königshauses) hat derzeit 1370 Kampfpanzer verschiedener Typen und Klassen, deren harten Kern 370 amerikanische MIA2 „Abrams“ bilden. Die älteren französischen AMX-30, etwa 300 an der Zahl, sollen ersetzt, ein Teil von ihnen zu Flugabwehrpanzern umgerüstet werden. Als Ersatz sind neben 180 russischen T-90 Kampfpanzern 200 deutsche „Leopard“ 2A7 vorgesehen. Die Türkei rüstet 1700 von 3000 gepanzerten amerikanischen Mannschaftstransportern M-113 durch Kampfwertsteigerung auf. Die Armee besitzt auch rund 700 Artilleriegeschütze, darunter 155 Millimeter Haubitzen aus Amerika, die Standardwaffe der Nato.

          Die Luftwaffe verfügt über etwa 300 einsatzfähige Kampfflugzeuge. Das Rückgrat bilden rund 100 amerikanische F-15 verschiedener Baureihen, die gemäß dem Abkommen von 2010 durch modernere Versionen ersetzt werden sollen; dazu kommen die 107 europäischen Panavia „Tornado“ aus britischer Produktion. 2006 wurde ein Vertrag über den Kauf von 72 Eurofightern „Typhoon“ geschlossen; diese neuen Jagd/Kampfflugzeuge sind seit 2009 im Zulauf. Verhandlungen mit Paris über den Kauf französischer „Rafale“ sind im Gang. 2007 wurden 150 Kampfhubschrauber aus Russland geordert, die gleichfalls im Zulauf sind.

          Vielfalt als Problem

          Präzisions-Luft-Boden-Waffen aus Amerika und Raketen, darunter chinesische mit einer Reichweite von etwa 2600 Kilometern und pakistanische mit einer Reichweite um die 2300 Kilometer, sowie 900 Präzisionswaffensätze für die Kampfflugzeuge aus Amerika reichern das saudische Arsenal an. Die Vergrößerung nach dem Milliarden-Dollar-Vertrag mit Amerika von 2010 steht bevor.

          Diese Vielfalt stellt den saudischen Streitkräften allerdings Probleme in der Ausbildung, in der Einsatzplanung und -führung sowie vor allem in der Logistik. Hier dürfte auch einer der Gründe für den erneuerten Wunsch nach dem Erwerb von etwa 200 „Leopard-2“-Kampfpanzern liegen. Schon in den Verhandlungen mit Bonn zwischen 1980 und 1987 über „Leopard-1“ und andere Bodenwaffensysteme wurden diese Gründe genannt. Sie sind für die Einsatzbereitschaft relevant.

          Die Regierung Kohl blieb 1982 zunächst bei der von der Regierung Schmidt eingenommenen Position, die vor allem mit dem Leitsatz „keine Waffen in Krisengebiete“ begründet worden war. Doch auch Kohl erkannte das besondere deutsche Interesse an der Sicherheit des saudischen Partners und an der Stabilität der arabischen Golfstaaten gegenüber Iran.

          Riad rüstet für die Landesverteidigung

          Der bis Januar 1989 dauernde irakisch-iranische Krieg bot Zeit für Verhandlungen und machte den Ernst der Lage am Golf deutlich. Mitte der achtziger Jahre kamen neue Gespräche mit Riad über Rüstungslieferungen in Gang. Die Saudis blieben bei ihrer Forderung nach „Leopard“-Panzern, Bonn bei seiner Weigerung, die auch mit Israel abgesprochen war. Dies führte 1987 zu der großen Bonner Offerte eines Waffenpakets im Werte von zehn bis zwölf Milliarden D-Mark in Saudi-Arabien. Enthalten darin waren Fla- und Spähpanzer, das Flugabwehrsystem „Roland“, eine vollständige Luftverteidigungsorganisation für das ganze Land, zehn bis zwölf moderne konventionelle U-Boote und ein U-Boot-Stützpunkt samt U-Bootabwehr und Minenkampfmitteln an der Golfküste. Die Saudis beharrten jedoch auf der Forderung nach „Leopard“ und kamen auf das deutsche Angebot nicht zurück.

          Mit Deutschland lagen Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Norwegen bei den U-Booten in Konkurrenz, Frankreich auch bei allen anderen Waffensystemen. Die Geschichte seit Ende der siebziger Jahre legt nahe, dass es sich auf saudischer Seite vor allem um Rüstung zur Landesverteidigung und zur Sicherung des Golfs gegenüber Iran handelte, nicht um innenpolitische Machtausübung. Für die Regime-Sicherheit im Innern sind genügend leichte Waffen und gepanzerte Gefechtsfahrzeuge vorhanden, im übrigen auch leicht im Ausland zu erwerben. Dafür werden keine schweren Kampfpanzer gebraucht und schon gar nicht U-Boote oder Flugabwehrwaffen.

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