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Exklusiver Klub? : Die Hürden für Europas gemeinsamen Kampfpanzer

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Trotz dieses starken Interesses Polens am deutsch-französischen Panzerprojekt, wird ein Einstieg kein Selbstläufer. Speziell auf Seiten Frankreichs gibt es Vorbehalte gegen Polen. Gaëlle Winter, Sicherheitsexpertin bei der Stiftung für Strategische Studien in Paris, sagt dazu im Gespräch mit der F.A.Z.: „Aus französischer Sicht ist keine tragende Reform der polnischen Rüstungsindustrie erkennbar. Auch hat Paris nicht vergessen, dass Polen zunächst ein italienisches Gegenprojekt zum MGCS unterstützt hat. Das Hauptproblem ist aber, dass die amerikanische Präferenz Polens zu dominant erscheint.“ Bestes Beispiel dafür, so Winter, sei der 2016 gescheiterte Vertrag, mit dem Polen französische Caracal-Militärhubschrauber kaufen wollte. Von dem bereits ausgehandelten Geschäft trat Polen damals abrupt zurück und schwenkte auf amerikanische Hubschrauber um.

Schlechte Erfahrungen mit Polen

Zu dem schlechten Verhältnis mit Frankreich kommt die Herausforderung, wie Polen konkret zum Main-Ground-Combat-System beitragen könnte. Denn bei dem kommenden Zukunftspanzer geht es nicht darum, bewährte Panzertechnik weiterzuentwickeln. Die Militärs wollen keinen „Leopard-3“, sondern einen militärischen Game-Changer. Es geht nicht mehr nur um einen schweren Kampfpanzer, sondern um ein Panzer-System, das auch Begleitfahrzeuge, Robotik oder auch Hochgeschwindigkeitsraketen umfasst.

Christian Mölling, Forschungsdirektor der Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin ist skeptisch, ob Polen dafür eine belastbare Rüstungsstrategie verfolgt. „Wir sehen zurzeit die Zusammenführung der polnischen Verteidigungsindustrie in eine große Industrie-Holding. Ob das zielführend ist, weiß ich nicht; das ist zumindest nicht der Weg, wie Innovation in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufen ist“, sagte Mölling der F.A.Z.

Unter Leitung des Verteidigungsministeriums sind in der „Polnischen Rüstungsgruppe“ – die unter dem Kürzel PGZ firmiert – schon mehr als 60 Betriebe zusammengefasst, vom Gewehrhersteller bis hin zu Werften. Das Kalkül der polnischen Regierung: Genährt durch die gesteigerten Rüstungsausgaben Polens in den letzten Jahren, soll die PGZ zu einer mächtigen staatlichen Rüstungsholding werden. Mit der PGZ will Polen seine Streitkräfte umfassend selbst ausstatten können und langfristig als starker Player am globalen Waffenmarkt auftreten.

Die Bedenken gegen dieses Konstrukt sind grundsätzlich: Fallen die Rollen von Käufer und Verkäufer, wie bei der PGZ, zusammen, ist das problematisch. Wenn ein Unternehmen ohne Konkurrenz agiert, ist das üblicherweise Gift für seine Bereitschaft, umfassend in Forschung und Innovation zu investieren. Schon in der Gründungsphase der PGZ 2016 kritisierte der polnische Rechnungshof, dass zu der politischen Ambition, ein großes Wehrunternehmen zu schaffen, eine klare Strategie fehle. So fand vorab keine Analyse zu Synergieeffekten der zusammengeführten Unternehmen statt.

Sicherheitsexperte Christian Mölling warnt vor zu hohen Erwartungen, was eine polnische Beteiligung am Main-Ground-Combat-System angeht: „Es gilt zu beachten, wie viel Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen im Panzerbereich in anderen Ländern abgelaufen sind. Das mag Polen als unfair empfinden oder als Verweigerung von Teilhabe, aber letztlich wird es weder der polnischen Industrie, noch der deutschen und französischen etwas bringen, einen Partner an Bord zu nehmen, mit dem man nachher Produkte produziert, die überhaupt nicht oder schwerer weiter zu verkaufen sind.

Das Beispiel Polen zeigt, wie schwierig es wird, das deutsch-französische Vorhaben Main-Ground-Combat-System zu einem europäischen Panzer-Projekt auszuweiten. Wie stets beim hehren Ziel, eine bessere europäische Verteidigung aufzubauen, türmen sich davor widersprüchliche Ambitionen der Akteure, welche die Politik erst aufwändig abarbeiten muss.

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