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Rücktritte in London : Johnsons Narrenschiff droht zu kentern

  • -Aktualisiert am

Boris Johnson im Juni in Madrid Bild: AFP

Prominente Regierungsmitglieder sind Boris Johnson von der Fahne gegangen. Sie wollen nicht mit ihm untergehen.

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          Lange Zeit hat Boris Johnson es geschafft, die Mannschaft seines Regierungsschiffs beieinander zu halten. Bis Dienstagabend. Die Rücktritte des Schatzkanzlers Rishi Sunak, des Gesundheitsministers Sajid Javid und einiger anderer Staatssekretäre, sind das bislang stärkste Zeichen des Misstrauens in den Kurs des britischen Premierministers.

          Bis dahin hatten sich sämtliche Regierungsmitglieder immer hinter ihren Kapitän gestellt, egal welchen Kurs er fuhr und wie stark der Gegenwind war. Doch die Vorwürfe, Johnson habe sehr wohl gewusst, dass er einen Mann in die Fraktionsführung der Tories befördert hat, dem in der Vergangenheit sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, waren dann doch zu viel.

          Sunak, Javid und die anderen, die Johnson jetzt von der Fahne gegangen sind – gerade auf der Staatssekretärsebene sind da Tories dabei, die bis dato felsenfest hinter ihm standen –, sind wohl zu dem Schluss gekommen, dass Johnsons Narrenschiff untergeht und sie wollten nicht mit in die Tiefe gezogen werden.

          Erst recht da am Horizont schon die nächsten Unwetter sich zusammen brauen. Einerseits beschäftigt sich ein Ausschuss des Parlaments immer noch mit der Frage, ob Johnson das Unterhaus in der Partygate-Affäre wissentlich belogen hat. Andererseits machen Johnsons Gegner mobil.

          Sie wollen bei der Wahl zum Vorstand des einflussreichen „1922“-Komittes der Fraktion sämtliche Posten erobern, um danach ein zweites Votum über Johnsons Zukunft als Parteichef – und Premierminister – auf den Weg zu bringen. Die beiden prominentesten Fahnenflüchtigen haben allerdings sicher noch ein wichtiges anderes Motiv. Sie hoffen, sollten die Konservativen Johnson schassen, dereinst selbst als Kapitän ans Ruder der Partei und der Regierung treten zu können.

          In jedem Fall schwankt Johnsons Schiff gewaltig und droht zu kentern. Dass er selbst es wieder aufrichten kann, steht zu bezweifeln. Dem Land wäre es zu wünschen, dass Johnson sich nicht an die alte Seefahrerlegende hält, nach der der Kapitän immer als letztes sein Schiff verlässt.

          Oliver Kühn
          Redakteur in der Politik.

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