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Rückkehr der Taliban? : Angst in Afghanistans sicherster Provinz

Ungefüllte Lücken: vor zehn Jahren wurden die Buddhastatuen von Bamiyan gesprengt Bild: AFP

In Bamiyan sind Verkehrsunfälle die größte Gefahr für ausländische Soldaten. Deshalb ist das Gebiet dabei, wenn die ersten Provinzen unter afghanische Kontrolle gestellt werden. Doch die Menschen fürchten, dass die Taliban wieder kommen.

          5 Min.

          Die kleine Cessna taumelt durch die dichte Wolkendecke, wird vom Sturm hin und her geschleudert. Endlich kommt das Land in Sicht: rotbraune Canyons und schneebedeckte Gipfel. In der Ferne gähnen in der Felswand die zwei Nischen der zerstörten Buddha-Statuen. Das Flugzeug rast über eine Sandpiste und kommt neben einer zerzausten afghanischen Nationalflagge zum Stehen. Auf den ersten Blick sieht Bamiyan bedrohlich aus, denn entlang der Landebahn hat sich ein gutes Dutzend Männer mit Maschinengewehren postiert. Doch wie sich herausstellt, sollen sie nur verhindern, dass Kinder vor das Flugzeug laufen: Willkommen in Bamiyan, der sichersten Provinz Afghanistans. Bamiyan ist eines der sieben Gebiete, in denen die afghanischen Sicherheitskräfte im Juni die Kontrolle von der Nato übernehmen sollen. Anschließend soll die Verantwortung der Afghanen Distrikt für Distrikt ausgeweitet werden, während die internationalen Kampftruppen bis Ende 2014 schrittweise abziehen sollen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Nur 120 neuseeländische Isaf-Soldaten, ein paar Dutzend malaysische Sanitäter, sechs Vertreter der europäischen Polizeimission Eupol und drei neuseeländische Polizisten sind in Bamiyan stationiert. Ihr Feldlager ist durch ein einfaches Metallgatter gesichert, das aussieht, als wolle man nur verhindern, dass Schafe auf das Gelände gelangen. Jeden Morgen joggen die Soldaten den Berg neben dem Feldlager hinauf. In anderen Teilen Afghanistans wäre das ihr sicherer Tod. Dass es in Bamiyan anders ist, liegt vor allem daran, dass die meisten Menschen hier zur Minderheit der Hazara gehören. Sie sind Schiiten, die unter der Herrschaft der sunnitischen Taliban besonders stark gelitten haben – und deshalb ein sicheres Bollwerk gegen das Einsickern von Aufständischen.

          Bamiyan hat die geringste Polizeidichte in Afghanistan: Auf 1200 Einwohner kommt nur ein Polizist, und einheimische Soldaten gibt hier gar nicht. Nur ein Distrikt an der Grenze zur Nachbarprovinz Baghlan gilt als unsicher. Dort wurde im August 2010 ein neuseeländischer Soldat in einem Hinterhalt getötet – in Bamiyan war das erste Tote seit Beginn der Isaf-Mission in der Provinz 2003. Und trotzdem: „Die Leute haben Angst, dass die Taliban zurückkommen, wenn wir gehen“, sagt Dick Newlands. Der Leiter des neuseeländischen Feldlagers trägt Jeans und Strickjacke. Seit vergangenem Sommer wird das Wiederaufbauteam (PRT) von einem Zivilisten geführt.

          Afghanische Offiziere hören von Präsident Karzai, dass sie die Kontrolle über die Provinz übernehmen sollen

          Der erste Schritt zur Souveränität des Landes

          Vor zwei Wochen hatte Präsident Hamid Karzai zum afghanischen Neujahrsfest feierlich verkündet, dass ab Juni in vier Provinzen und drei Städten allein die afghanischen Sicherheitskräfte das Sagen haben sollen. Das soll der erste Schritt zur Souveränität des Landes sein. Mit der Ausnahme der Stadt Lashkar Gar im schwer umkämpften Süden sind es die sichersten Regionen des Landes, die dann von den afghanischen Sicherheitskräften übernommen werden. Der Übergang ist bislang weitgehend Symbolik.

          In Bamiyan ist die Übergabe der Verantwortung offiziell für den 22. Juni angesetzt. Aber was das bedeuten soll, kann in Bamiyan niemand recht erklären, denn die ausländischen Soldaten werden nicht abgezogen, sondern sollen zwei weitere Jahre bleiben – mindestens. Hinzu kommt: „Neuseeland hatte nie die Verantwortung“, sagt Newlands. Die habe immer bei den lokalen Sicherheitskräften gelegen. „Es ist nicht wirklich eine Übergabe.“

          Dem stellvertretenden Polizeichef Khudayar Qudsi ist der Rummel um seine vernachlässigte Provinz indes mehr als recht. Er wedelt mit einer vier Seiten langen Wunschliste an die Zentralregierung. Mehr Fahrzeuge, bessere Waffen, Unterkünfte und ein Krankenhaus für seine Beamten, hat er notiert. „Wir fordern, dass die Zahl unserer Polizisten verdoppelt wird“, sagt Qudsi. Das wären zusätzlich 750 Mann. Außerdem hat die Provinzregierung ein afghanisches Armeebataillon angefordert – rund 700 Soldaten.

          Das Vertrauen der Menschen in Polizei und Armee sei gering

          Bislang waren die drängendsten Probleme in der Provinz Land- und Familienkonflikte, Drogenmissbrauch und ein paar Raubüberfälle. Während Polizei und Armee in anderen Landesteilen hohe Opferzahlen zu beklagen hatten, kamen in Bamiyan im vergangenen Jahr nur zwei afghanische Sicherheitskräfte bei einem Autounfall um. Das werde sich ändern, vermutet Qudsi: „Wenn die Isaf geht, werden die Taliban sich ermutigt fühlen, uns anzugreifen.“ Bisher habe nur die Luftüberlegenheit der Nato sie davon abgehalten.

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