https://www.faz.net/-gpf-76ial

Rudolf-Vogel-Medaille : „Mit Frankreich hätte man so etwas nicht gemacht“

  • Aktualisiert am

Rudolf Vogel Bild: dpa

Wie konnte die Südosteuropa-Gesellschaft einen Journalistenpreis im Jahr 1991 nach einem NS-Propagandajournalisten benennen? Der Historiker Milan Kosanovic spricht über den Skandal.

          Von der Osteuropaforschung ist bekannt, dass sie in den Anfangsjahren der Bundesrepublik von ehemaligen Nationalsozialisten geprägt wurde. Die Südosteuropaforschung scheint bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit hingegen noch Nachholbedarf zu haben.

          Die Südosteuropaforschung im Dritten Reich war tatsächlich besonders stark in NS-Strukturen integriert. Das Münchener Südost-Institut etwa wurde 1943 der Zuständigkeit des Reichssicherheitshauptamtes zugeschlagen und somit Teil der SS. Aber schon zuvor waren die Forschungsstrukturen in die sogenannte Gegnerforschung eingebunden, also in das Erforschen derjenigen Gruppen im Ausland, die als Feinde angesehen wurden. An führender Stelle stand seit den vierziger Jahren Fritz Valjavec, der dann in den fünfziger Jahren auch bei der Neuaufstellung des Südosteuropa-Instituts, der Gründung des Südostdeutschen Kulturwerks, der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) und der Südostdeutschen Historischen Kommission eine herausragende Rolle spielte. Valjavec stand an der Spitze eines Netzwerkes aus ehemaligen Nationalsozialisten und Mitgliedern der SS wie Wilfried Krallert, Franz Ronneberger und Harold Steinacker, der ebenfalls zu den Gründern der SOG zählte. Dieser Teil der Historiographie ist nicht erforscht. Es ist lediglich der Studentin Dorothea Willkomm 1979 eingefallen, sich dem Thema in ihrer Magisterarbeit zu widmen. Ihre Arbeit blieb aber unveröffentlicht. Heute gibt es davon nur zwei oder drei Belegexemplare in Universitätsbibliotheken.

          Hat sich denn niemand bei der SOG für die Vorgeschichte der eigenen Organisation interessiert?

          Das Südost-Institut und die Südostdeutsche Historische Kommission haben im Oktober 2002 unter Leitung von Mathias Beer und Gerhard Seewann eine Tagung über die Südosteuropaforschung im Dritten Reich abgehalten und dabei auch die Anfänge in der Bundesrepublik und die Person Fritz Valjavec untersucht. Die SOG war nicht Gegenstand der Tagung, weil es schlicht an Referenten mit dem nötigen Fachwissen mangelte. Auch fünf Jahrzehnte nach Gründung der Südosteuropa-Gesellschaft gab es niemanden, der sich mit der Geschichte dieser Organisation wissenschaftlich befasst hatte.

          Milan Kosanovic: Historiker und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn im Fach Südosteuropäische Geschichte

          Das erklärt immerhin, wie es dazu kommen konnte, dass die Südosteuropa-Gesellschaft 1991 ihren Journalistenpreis nach einem NS-Propagandajournalisten benannte.

          Kurios ist es dennoch. Vogels Zeit kam, als Fritz Valjavec 1960 starb. Vogel, als Bundestagsabgeordneter in der CDU/CSU sowie in der deutschen Wirtschaft hervorragend vernetzt, hat die Südosteuropa-Gesellschaft offensichtlich äußerst erfolgreich geführt. Als er sein Amt 1966 aufgab, um deutscher Botschafter bei der OECD in Paris werden, wurde er dadurch geehrt, dass ihm sein Nachfolger Walter Althammer von der CSU die neu geschaffene Rudolf-Vogel-Plakette verlieh. Vogel wurde also der erste Vogel-Preisträger. Die Plakette wurde danach in unregelmäßigen Abständen für besondere Verdienste um die Südosteuropa-Gesellschaft verliehen. Erst nach Vogels Tod 1991 traf die SOG dann die Entscheidung, fortan eine Rudolf-Vogel-Medaille „in Anerkennung der Verdienste um die Erweiterung der Kenntnis über Südosteuropa“ ausdrücklich an Journalisten zu verleihen. Interessant ist das vor allem deshalb, weil Vogel zwar nach der NS-Diktatur eine Karriere als Bundestagsabgeordneter gemacht hatte, aber als Journalist nicht mehr in Erscheinung getreten war. Vogel hat sich zweifellos viele Verdienste um die SOG erworben, aber es ist schon seltsam, dass man nach seinem Tod ausgerechnet seine Zeit als Journalist im Dritten Reich zum Anlass nahm, um in seinem Namen zeitgenössische Journalisten zu ehren. Der Fehler ist dem Vorstand der Gesellschaft im Jahr 1991 unterlaufen, der offensichtlich ohne ausreichende Prüfung der historischen und politischen Umstände entschied.

          Weitere Themen

          Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade Video-Seite öffnen

          Homophobe Gewalt in Polen : Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade

          Während der ersten Gay-Pride-Parade in der polnischen Stadt Bialystok kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hooligans und Ultranationalisten attackieren und beleidigten die Teilnehmer. Am Ende musste die Polizei einschreiten.

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.