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Ruanda nimmt Flüchtlinge auf : Humanitäre Imagepflege

Am Freitagabend landeten 123 afrikanische Flüchtlinge auf dem internationalen Flughafen von Kigali. Bild: AFP

Unter Lob des UN-Flüchtlingshilfswerks nimmt Ruanda 123 Migranten aus Libyen auf, denn dort sollen ihnen Folter und Sklaverei drohen. Was die Flüchtlinge in ruandischen Lagern erwartet, ist jedoch unklar.

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          Es war schon kurz vor Mitternacht, als am Freitagabend 123 Afrikaner auf dem internationalen Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali landeten. Sie kamen aus dem libyschen Misrata und waren in der Empfangshalle bereits von ruandischen Beamten und Mitarbeitern des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen erwartet worden. Nach einer rund einstündigen Überprüfung chauffierten drei Busse die Ankömmlinge in das Gashora-Transitzentrum in der rund 45 Kilometer von Kigali entfernten Stadt Bugesera.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Von einer „lebensrettenden Geste“ des Gastlands sprach noch am Flughafen die stellvertretende Landesdirektorin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Barbara Bentum-Williams Dotse. Der Präsident des ostafrikanischen Kleinstaats, Paul Kagame, hatte Anfang September in einer mit dem UNHCR und der Afrikanischen Union geschlossenen Vereinbarung angeboten, zunächst 500 in Libyen gestrandete Afrikaner aufzunehmen. Langfristig will Ruanda bis zu 30.000 Menschen beherbergen – die meisten aber voraussichtlich nur so lange, bis sie Aufnahme in Ländern gefunden haben, in denen sie permanent leben möchten. Neben Ruanda hatte sich lediglich Niger bereiterklärt, 1.500 Menschen aufzunehmen. Andere afrikanische Länder weigern sich bislang.

          Insgesamt hat das UNHCR in diesem Jahr nach eigenen Angaben 1.663 Migranten aus Libyen evakuiert. 3.740 Personen würden weiter in libyschen Auffanglagern festgehalten, heißt es. Immer wieder ist von sklavenähnlichen Zuständen die Rede, die in Libyen herrschten, von Gefangenschaft und Folter. 42.000 Schwarzafrikaner sollen sich derzeit ohne Visum in Libyen aufhalten; viele fürchten, von Milizen verschleppt zu werden, und hoffen auf eine Passage nach Europa. Auch die nach Ruanda gebrachten Afrikaner waren illegal eingereist und hatten versucht, mit Schleppern nach Europa zu gelangen. Stattdessen wurden sie in dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland festgehalten. Schon am 27. September waren die ersten 66 von ihnen nach Kigali gebracht worden. Nach UNHCR-Angaben stammen die meisten aus Eritrea und Äthiopien, Sudan und Somalia. Bei 24 der jetzt gelandeten Passagiere handelt es sich um Frauen, 99 sind Männer – die meisten zwischen 14 und 20 Jahre alt.

          Zurück wollen die wenigsten

          Unklar ist, was die jungen Menschen in Libyen erlebt haben. Journalisten ist der Zugang zum Transitlager untersagt. Reporter der ostafrikanischen Wochenzeitung „The East African“, die kürzlich versuchten, hineinzugelangen, berichten von „strengen Sicherheitsmaßnahmen“ und der Gefahr, in der Umgebung verhaftet zu werden. In Ruanda herrscht eine Diktatur, in der Oppositionelle verfolgt werden und die Berichterstattung stark eingeschränkt ist. Immerhin gelang es den Journalisten, mit einigen jungen Männern, die das Zentrum verlassen haben, um Zigaretten zu kaufen, zu sprechen. Die meisten sprachen nur Arabisch. Einer erklärte, er sei von einem gekenterten Schlepperboot gerettet worden.

          Die ruandische Zeitung „The New Times“ zeigte auf ihrer Homepage Videoaufnahmen der am Freitag in Kigali gelandeten. Die Bilder zeigen kräftige und meist frisch frisierte Männer. Nach Auskunft von Barbara Bentum-Williams Dotse zeigten die meisten ein großes Interesse daran, die Englischkurse im Transitzentrum zu besuchen. Das deutet darauf hin, dass die wenigsten in ihre Heimat zurückkehren möchten. Allerdings werden auch Kurse in der Landessprache Kinyarwanda angeboten. Das UNHCR prüft derzeit, ob die Migranten für die Neuansiedlung in einem anderen Land in Frage kommen oder freiwillig zurückkehren. Einige könnten sich allerdings auch langfristig in Ruanda ansiedeln.

          Ob ein Leben dort langfristig besonders attraktiv ist, ist allerdings fraglich. Das Land mit knapp 13 Millionen Einwohnern gehört zu den ärmsten der Welt. 55 Prozent der Bevölkerung leben in „extremer Armut“; auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen rangiert der Zwergstaat auf dem 158. Platz von 171 Staaten. 30 Prozent der Ruander sind Analphabeten. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt rund 60 Euro.

          Kagame-Kritiker zweifeln am Altruismus des Präsidenten. Derzeit befinden sich schon 150.000 Flüchtlinge aus Burundi und Kongo im Land. Besonders gut behandelt werden sie in Ruanda nicht. Als im Februar 2018 im Kiziba-Flüchtlingslager Kongolesen gegen die schlechte Behandlung protestierten, eröffneten Polizisten das Feuer. Obwohl zwölf Menschen getötet wurden, wurde kein Täter verhaftet. Nach etlichen Morden an politischen Gegnern geriet Kagame zuletzt auch international stärker unter Druck. Durch die Aufnahme von Migranten, für deren Verpflegung ohnehin die Vereinten Nationen aufkommen werden, betreibt er nun Imagepflege.

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