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Vor Abtransport nach Russland : Rotes Kreuz registriert Gefangene in Mariupol

Foto aus einem vom russischen Verteidigungsministerium am 18. Mai verbreiteten Video. Zu sehen ist demnach ein verwundeter ukrainischer Soldat in Mariupol, der von seinen Kameraden nach dem Verlassen des Stahlwerks getragen wird. Bild: AP

Das Rote Kreuz hat in Mariupol Vorkehrungen getroffen, um den Verbleib von Hunderten ukrainischen Kriegsgefangenen, die nach Russland abtransportiert werden, nachvollziehen zu können. Über das weitere Schicksal der Asowstal-Kämpfer herrscht Unklarheit.

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          Auf dem Gelände des Stahlwerks Asowstal im russisch besetzten Mariupol halten sich vermutlich immer noch ukrainische Soldaten auf. Denis Puschilin, das „Oberhaupt“ der „Donezker Volksrepublik“ in der Ostukraine, sagte am Donnerstag in der russischen Propagandasendung „Solowjow Live“, mehr als die Hälfte der ukrainischen Soldaten, die sich auf dem Gelände verschanzt hatten, habe sich mittlerweile ergeben. Moskau teilte am Donnerstag mit, seit Montag hätten sich dort insgesamt 1730 Ukrainer ergeben, unter ihnen 80 verwundete, und zuletzt „771 Kämpfer der nationalistischen Einheit ‚Asow‘“.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Gemeint ist ein Regiment dieses Namens der ukrainischen Nationalgarde, welches die russische Propaganda aufgrund früherer neonazistischer Verstrickungen als angeblichen Beleg dafür heranzieht, dass man in der Ukraine gegen „Nazis“ kämpfe. Kommende Woche soll Russlands Oberstes Gericht das Asow-Regiment als „Terrororganisation“ einstufen. Nicht offiziell in Moskau bestätigt sind bisher Vorstöße aus der Duma, dem russischen Unterhaus, vermeintlichen „Nazi-Verbrechern“ einen (Schau-)Prozess zu machen.

          Kiew hofft auf Gefangenenaustausch

          Hoffnung konnten die Angehörigen der Ukrainer am Donnerstag aus einer Mitteilung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ziehen: Man habe seit Dienstag Hunderte ukrainische Kriegsgefangene vom Asowstal-Gelände registriert. Das erlaube es dem IKRK, den Verbleib der Gefangenen nachzuvollziehen und ihnen zu helfen, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Die Ukrainer sind jetzt in der Hand der russischen Truppen; Kiew hofft auf ihren Freitausch gegen gefangene Russen. Die Ukraine macht darüber derzeit keine Angaben. Eine Regierungsvertreterin bat wegen des „komplizierten Verhandlungsprozesses“ um Geduld.

          Petro Andrjuschtschenko, Berater des Bürgermeisters von Mariupol, warnte derweil vor großen Umweltbelastungen aufgrund der Zerstörung des direkt am Asowschen Meer gelegenen Stahlwerks. Die von den Russen eingesetzten Waffen, aber auch die Zerstörung vieler Anlagen auf dem Gelände drohten zur Freisetzung giftiger Stoffe zu führen, schrieb er auf Telegram unter Berufung auf Maxym Borodyn, einen führenden Umweltexperten der Stadt.

          Auch am Donnerstag lieferten sich russische und ukrainische Truppen im Land Gefechte. Größere Geländegewinne konnte offenbar keine Seite verzeichnen. Beim Beschuss der Stadt Sewerodonezk kamen laut Behörden vier Zivilisten ums Leben. In der besetzten Stadt Melitopol haben ukrainische „Partisanen“ derweil Bahngleise gesprengt. Möglicherweise galt ihr Angriff einem dort fahrenden Panzerzug der russischen Truppen. In Kiew sagte Präsidentenberater Olexij Arestowytsch, der Zug selbst sei nicht getroffen worden.

          Präsidentenberater Mychajlo Podoljak bestätigte, dass die seit kurz nach Kriegsbeginn geführten ukrainisch-russischen Verhandlungen jetzt nicht stattfänden und derzeit „unmöglich“ seien. Jedes heutige Nachgeben gegenüber Moskau werde zu einer Neuauflage des Krieges in ein bis drei Jahren führen. Das sollten auch die „Personen aus der europäischen Gemeinschaft“ verstehen, die jetzt in „merkwürdigen“ Erklärungen der Ukraine rieten, auf ihre Gebiete zu verzichten. Eine Feuerpause sei nur möglich bei „einem totalen Abzug der Truppen Russlands“; bis dahin „ist unsere Verhandlungsplattform: Waffen, Sanktionen und Geld“. Damit meinte er offenbar russische Reparationen für die Kriegszerstörungen.

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