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„Rote Welle“ : Die Irrtümer Lateinamerikas

  • -Aktualisiert am

„Hunger“: Menschen in Venezuela protestieren gegen die Lebensbedingungen in ihrem Land. Bild: AFP

Die Lage in Venezuela ist symptomatisch: Anstehen für Grundnahrungsmittel und eine Gewaltkriminalität, die außer Kontrolle ist. Die „rote Welle“ hinterlässt einen Krisenkontinent.

          Die „roten“ Regierungen Lateinamerikas haben die Missstände nicht beseitigen können, die schon die Militärdiktaturen und Regime kultivierten, die sie einst stürzten: Die Sumpfblüten Korruption und Klientelismus wechselten einfach nur die Farbe. Beim Kampf um den Machterhalt waren auch den linken Caudillos alle Mittel recht, von der Verunglimpfung bis zur offenen Verfolgung des politischen Gegners. Die doppelte Lebenslüge der lateinamerikanischen Linken lautet, nur sie könne das Los der Marginalisierten verbessern und ein Machtwechsel bedeute den Rückfall in die historische Düsternis von Kolonialismus und Raubtierkapitalismus.

          Jetzt rollt in Lateinamerika eine neue Welle heran. Symptomatisch dafür ist die Lage im Modellstaat des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Wie sieht es dort aus? Nur wer stundenlang vor den staatlichen Supermärkten ansteht, kommt an Grundnahrungsmittel oder Toilettenpapier. Die Inflationsquote ist die höchste der Welt, sie dürfte bald siebenhundert Prozent erreichen. Vergangenes Jahr ist die Wirtschaft um zehn Prozent geschrumpft. In Apotheken und Krankenhäusern fehlt es an Medikamenten und Verbandsmaterial. In Staatsbetrieben und Verwaltungen wird nur noch montags und dienstags gearbeitet, um Strom zu sparen. Die Gewaltkriminalität ist außer Kontrolle. Die Hauptstadt ist eine der gefährlichsten Metropolen der Welt. Nur sechs Prozent der Morde werden aufgeklärt.

          So sieht es in Venezuela aus. Dabei verfügt das Land über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Ende der siebziger Jahre steuerte das Überschall-Passagierflugzeug Concorde neben New York und Miami auch die Hauptstadt Caracas an. Eigentlich müsste Venezuela mit seinen 31 Millionen Einwohnern heute der reichste und modernste Staat, der Vorzeigestaat Lateinamerikas sein. Stattdessen steht es vor der wirtschaftlichen und sozialen Implosion. Das Elend und die grassierende Korruption haben das Gemeinwesen zersetzt.

          Eine „zweite Befreiung“ Lateinamerikas

          Verantwortung für den Niedergang trägt das sozialistische Regime unter Hugo Chávez. Der charismatische Revolutionsführer herrschte von 1999 bis zu seinem Tod im März 2013 wie ein Caudillo. An seine Anhänger verteilte er Geld und Waffen. Er enteignete manchen Privatbetrieb, vor allem brachte er den staatlichen Ölmonopolisten und damit die jahrelang schier endlos sprudelnden Einnahmen aus dem Ölexport unter seine Kontrolle. Der einstige Oberstleutnant des Heeres begnügte sich aber nicht damit, die Milliarden zu sozialen Transferzahlungen an die Armen daheim zu verwenden. Die waren in Venezuela wie überall in Lateinamerika jahrzehntelang nicht gehört worden und hielten Chávez’ unendliche Tiraden gegen den Kapitalismus und die Vereinigten Staaten für den authentischen Widerhall ihrer eigenen Stimme.

          Chávez sah sich vor allem als historischen Wiedergänger des großen Simon Bolívar, der im neunzehnten Jahrhundert nicht nur seinem Heimatland Venezuela, sondern auch Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Peru die Unabhängigkeit von spanischer Kolonialherrschaft erkämpft hatte. Hunderte Milliarden aus dem Ölexport verteilte Chávez in der Karibik und in Südamerika, um seine „bolivarische“ Mission einer „zweiten Befreiung“ Lateinamerikas zu erreichen – dieses Mal vom Joch des Kapitalismus und der Vereinigten Staaten.

          Im März 2013 starb Chávez, ehe er den Zusammenbruch seines kolossalen Irrtums von der Erneuerung des Sozialismus und vom Aufstand des globalen Südens erleben musste. Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro ist ein orientierungsloser Politiker, der das Kartenhaus vollends zum Einsturz bringen wird. Das ist ein Fanal für die Jünger Chávez’, die in den Jahren nach dessen erstem Wahlsieg im Dezember 1998 in Bolivien und Brasilien, in Argentinien und Ecuador, auch in Nicaragua, Honduras und El Salvador an die Macht kamen. Auch Chile und Uruguay wurden von der „roten Welle“ nach der Jahrtausendwende erfasst, doch dort herrschen bis heute gemäßigte Linke.

          Investitionen blieben hinter Erfordernissen zurück

          Für das Verebben der linken Welle in Lateinamerika gibt es ungeachtet der unterschiedlichen ideologischen „Tönung“ in den einzelnen Ländern gemeinsame Ursachen. Der relative Erfolg der aktiven Umverteilungspolitik gründete auf der von China angestoßenen internationalen Nachfrage nach Rohstoffen und Agrarprodukten: Die Exporterlöse für Öl und Gas, Eisenerz und Kupfer, Soja und Rindfleisch hatten den Regierungen umfangreiche Sozialprogramme zur Reduzierung der Armut ermöglicht.

          Das Ende dieses historischen Booms vor gut zwei Jahren legte die Versäumnisse bloß: Das Geld der fetten Jahre war vor allem in den Konsum geflossen, wo in der Unterschicht freilich ein großer Nachholbedarf bestanden hatte. Doch Investitionen in die Infrastruktur, in das Bildungs- und das Gesundheitswesen, auch in die öffentliche Sicherheit blieben weit hinter den Erfordernissen zurück. Wirtschaftsreformen und Budgetdisziplin wurden hintangestellt.

          Seit ein paar Monaten haben Argentinien und Brasilien konservative Regierungen. In Bolivien, Ecuador und Chile sinkt der Stern der linken Präsidenten. Die große Reparatur hat begonnen. Aber daraus wird noch lange kein neues Lateinamerika.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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