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Rosa Otunbajewa : Die kirgisische Steuerfrau

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Rosa Otunbajewa Bild: dpa

Sie galt als Lokomotive der Tulpenrevolution vor fünf Jahren. Jetzt ist Rosa Otunbajewa wieder mitten drin im Strom der Geschichte. Die Leiterin einer provisorischen Regierung bewegt sich in unruhigem Fahrwasser.

          Vor fünf Jahren hatte Rosa Otunbajewa mit Tulpen in der Hand auf der Straße in ihrer Geburtstadt Osch darauf warten wollen, bis der Präsident von Kirgistan, Askar Akajew, freiwillig das Amt verlasse; der hielt das Land in eisernem Griff und betrachtete den Staat als Privatunternehmen, von dem der Gewinn vor allem seiner Familie zustehe. Die Geschichte mit den Tulpen war eine spätere Version für das Poesiealbum.

          In Wirklichkeit war die Absolventin der philosophischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, die später mehrmals Außenministerin des kleinen zentralasiatischen Landes war, bis sie im Streit mit dem Gebieter über Kirgistan vor der Jahrtausendwende zurücktrat, längst aktiv in die Pläne zur Ablösung Akajews involviert und sorgte sehr wohl gemeinsam mit anderen „Ehemaligen“ aus der politischen Führungsschicht dafür, dass „die Straße“ im März vor fünf Jahren aufbegehrte. Die wilden Reiter, die dann über den Aja-Too-Platz vor dem Präsidentenpalast stürmten und tulpengelbe Fahnen schwenkten, die vielen Demonstranten, die das Gebäude schließlich stürmten, waren jedenfalls keine Gestalten aus oder für Poesiealben. Rosa Otunbajewa war mitten drin im Strom der Geschichte. Sie galt als Lokomotive der Tulpenrevolution.

          Das Prädikat „Revolution“ wurde den Ereignissen jedoch bald abgesprochen, der Aufstand zur „Revolte“ zurückgestuft. Das hatte damit zu tun, dass sich Kurmanbek Bakijew, der neue Präsident, bald seinem Vorgängers Akajew ebenbürtig erwies, was die Methoden der Herrschaft und die Ausbeutung des Landes für private Interessen betraf. Die Anti-Akajew-Fronde zerfiel im Machtkampf, Mitkämpfer Bakijews wurden wieder Oppositionelle.

          Am Mittwoch konnte die 1950 geborene Frau nicht führen. Wie andere Anführer der Opposition war die Fraktionschefin der Sozialdemokraten im Parlament festgesetzt worden. Weil Anführer fehlten und die Staatsmacht, anders als 2005, schießen ließ, eskalierte die Gewalt auf den Straßen Bischkeks. Frau Otunbajewa wurde noch in der Nacht, die einem Tag folgte, der reich an Toten war, in der Hauptstadt zur Leiterin einer provisorischen Regierung bestimmt, die am Donnerstag das Parlament der Bakijew-Anhänger auflöste. Aber Bakijew ist noch im Land, im Süden, wo er sich stark fühlt. Er scheint nicht aufgegeben zu haben. Vielleicht beginnt der Kampf aufs Neue und Rosa ist wieder mitten drin.

          Was von der Außenwelt künftig zu halten ist, muss sie erst noch herausfinden. Zum einen haben die Russen vor einiger Zeit zwei Milliarden Dollar auf den Spieltisch gelegt – ob für den Bau von Wasserkraftwerken und als Budgetstütze oder als Belohnung für den Herauswurf der Amerikaner aus ihrem kirgisischen Stützpunkt blieb unklar. Otunbajewa sah durch den Kredit jedenfalls die Souveränität ihres kleinen, armen Landes in Gefahr. Die Amerikaner kritisierte sie unlängst, weil denen die Einhaltung der Menschenrechte und die Demokratie (unter Obama) gleichgültig geworden seien. Die kirgisische Steuerfrau bewegt sich in unruhigem Fahrwasser.

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