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Der Oligarch als Vermittler : Abramowitschs heikle Mission

Roman Abramowitschs eigene Motive für die Vermittlerrolle bleiben unklar. Bild: REUTERS

Der russische Milliardär Roman Abramowitsch redet Berichten zufolge in Putins Auftrag mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Dabei soll es zu einem Vergiftungsversuch gekommen sein.

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          Der russische Milliardär Roman Abramowitsch soll bei russisch-ukrainischen Verhandlungen Anfang des Monats Opfer eines Vergiftungsversuches geworden sein. Das bestätigte am Montag sein Sprecher nach Berichten des „Wall Street Journal“, wonach Abramowitsch und zwei Mitglieder der ukrainischen Delegation Symptome wie Hautablösungen an Gesicht und Händen sowie gerötete Augen gehabt haben. Kiews Unterhändler Mychajlo Podoljak bestritt am Montagabend dagegen, dass ukrainische Delegationsmitglieder vergiftet worden seien. Auch Vertreter der US-Regierung äußerten Zweifel an den Berichten, die auf Recherchen des Investigativ-Kollektivs Bellingcat zurückgehen. Geheimdienstinformationen deuteten mit großer Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass es sich um Umwelteinflüsse gehandelt hat, also nicht um eine Vergiftung, sagte ein US-Vertreter.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Abramowitsch vermittelt offenbar schon seit Wochen auf höchster Ebene zwischen den Präsidenten Russlands und der Ukraine. Die britische Zeitung „The Times“ berichtete am Montag, Abramowitsch sei am vergangenen Mittwoch mit einem Privatjet von Istanbul, wo er sich zur Zeit aufhält, nach Moskau geflogen, um Wladimir Putin eine handschriftliche Notiz von Wolodymyr Selenskyj zu überbringen, und am selben Abend zurückgeflogen, um Putins Reaktion mit ukrainischen Unterhändlern zu besprechen.

          Laut der „Financial Times“ hat Putin Abramowitsch persönlich mit der Vermittlung beauftragt. Zudem bestätigte David Arakhamia, der Selenskyjs Partei im Parlament von Kiew anführt, der Zeitung gegenüber, dass Abramowitsch „tief in die Friedensgespräche eingebunden ist“.

          „Sag ihnen, ich werde sie verdreschen“

          Abramowitsch gehört zu den bekanntesten Oligarchen, die im Vereinigten Königreich Fuß gefasst hatten. Nachdem ihm 2018 das Visum nicht verlängert wurde, belegte ihn die britische Regierung unlängst mit Sanktionen, in deren Folge ihm auch die Kontrolle über seinen Premier-League-Fußballklub Chelsea entzogen wurde. Kurz danach machte dies auch die EU.

          Die Regierung in Washington sah bislang von Maßnahmen gegen Abramowitsch ab. Das „Wall Street Journal“ berichtete, dass Selenskyi den amerikanischen Präsidenten Joe Biden gebeten haben soll, eine Reihe schon vorbereiteter Sanktionen gegen den Oligarchen einstweilen nicht in Kraft zu setzen, was möglicherweise mit dessen Vermittlerrolle zu tun habe.

          Laut der „Times” überbrachte Abramowitsch Putin Vorschläge Selenskyjs über einen möglichen Friedensvertrag. Angeblich habe Putin darauf zunächst mit dem Satz reagiert: „Sag ihnen, ich werde sie verdreschen“. In Istanbul habe Abramowitsch Putins Reaktionen dann mit dem ukrainischen Abgeordneten und Geschäftsmann Rustem Umerow besprochen. Beide seien zuvor schon in Kiew bei Selenskyj gewesen. Es sei zu einer ganzen Reihe von Treffen zwischen Abramowitsch und Umerow in verschiedenen Luxus-Hotels gekommen, die Ibrahim Kalin, der Sprecher des türkischen Präsidenten Erdogan koordiniert habe.

          Angebliches Treffen mit Schröder

          Trotz der brüsken Reaktion Putins sollen laut „Times“ Fortschritte in den Verhandlungen erzielt worden sein. Abramowitsch soll mit einem Privatflugzeug eines türkischen Unternehmens geflogen sei; sein eigenes Flugzeug darf er wegen der EU-Sanktionen nicht bewegen. Ankara hat keine Sanktionen gegen ihn verhängt, weshalb er wohl auch zwei seiner Yachten im Hafen von Bodrum ankern lässt.

          Die Vermittlungsversuche Abramowitschs scheinen schon früh begonnen zu haben. Der ukrainische Abgeordnete Arakhamia berichtete der „Financial Times“, dass er ihn schon bei den ersten Gesprächen im belarussischen Gomel getroffen habe. Auch soll Abramowitsch den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder in Moskau getroffen haben, gemeinsam mit dem Chef der russischen Verhandlungskommission, Wladimir Medinsky.

          Laut Arakhima sei Abramowitsch „über die internationale jüdische Gemeinschaft in den Prozess gekommen“. Abramowitsch hat einen Teil seines Vermögens jüdischen Einrichtungen gespendet und besitzt einen israelischen Pass. Ein Regierungsvertreter in Jerusalem bestritt allerdings gegenüber der „Financial Times“, dass Abramowitsch etwas mit den offiziellen israelischen Vermittlungsbemühungen zu tun habe.

          Abramowitschs Motive sind unklar. Spekuliert wurde, dass er sich zunächst erhofft haben könnte, mit einer Vermittlerrolle von Sanktionen verschont zu bleiben. Andererseits widerspricht der offenbar persönliche Auftrag Putins seinen Beteuerungen, nicht mehr mit dem Kreml im Kontakt zu stehen. Abramowitsch machte sein auf mehr als elf Milliarden Euro geschätztes Vermögen überwiegend in der Zeit des früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin und hatte in den Anfangsjahren Putins einen Gouverneursposten inne.

          Die „Times“ zitierte Quellen, nach denen Abramowitschs Bemühungen eine „genuine“ Reaktion auf das Leiden in der Ukraine sei. Seine Mutter wurde in der Ukraine geboren, seine Tochter hat sich öffentlich gegen Putins Angriffskrieg ausgesprochen.

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