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Roma-Vertreibungen in Ungarn : Nummern, keine Namen

Ein Auswahlverfahren für Sozialwohnungen

Die Romasiedlung war ein großes Thema im Kommunalwahlkampf des vergangenen Jahres. Überall liegt hier Müll herum. Ein verkrüppelter Mann hinkt über die Straße. Ein anderer fährt mit einem Elektroroller heran und will laut schimpfend seine Lebensgeschichte loswerden. Politiker der rechtsextremen Partei Jobbik organisierten im vergangenen Sommer „Ortsbegehungen“, angeblich um Drogendealer festzusetzen, weil die Polizei das nicht tue. Dass Bürgermeister Kriza versprochen hat, hier „aufzuräumen“, hat ihm und dem Fidesz womöglich die Mehrheit gerettet. Im nahe gelegenen Ózd, wo es auch viele Roma gibt, triumphierte ein Jobbik-Mann. Aber ein Konzept, das darüber hinausgeht, die Roma loszuwerden und die numerierten Straßen mit dem Bulldozer einzuebnen, ist in Miskolc nicht erkennbar. Schon haben sich in den umliegenden Gemeinden Bürgerinitiativen gebildet, die diese Leute auch nicht haben wollen.

Zwar können die, deren Wohnung geräumt wurde, sich wieder um eine Sozialwohnung bewerben, wenn ihr derzeitiger Mietvertrag ausgelaufen ist (und sie nicht mit ihren bisherigen Zahlungen im Rückstand sind). Wohin sie aber in der Zwischenzeit gehen sollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Außerdem bedeute ein solches Recht zur Bewerbung noch keinen automatischen Wohnungstausch oder eine besondere Bewertung beim Auswahlverfahren, betont der Bürgermeister. Er verweist darauf, dass der Malteser Hilfsdienst die Stadt dabei unterstütze, herauszufinden, „wer eine neue Chance auf eine neue Wohnung verdient. Sollte sich im Laufe des Verfahrens herausstellen, dass einzelne Familien sich nicht an die gesellschaftlichen Normen halten, kann die Stadt ihnen keine helfende Hand reichen“, sagt Bürgermeister Kriza.

Ungarische Roma als Asylbewerber akzeptiert

Die vier Ordnungshelfer biegen um die Ecke. Sie kehren den Fremden, die hier Fragen stellen, rasch den Rücken zu. Über ihre Arbeit dürften sie nichts sagen, hatten sie gesagt. Krisztiane sagt, sie kämen regelmäßig jede Woche. „Sie machen nichts, sie helfen nicht, sie sind einfach nur da,“ sagt die junge Frau, an der vorbei zwei halbwüchsige Jungs ins Haus huschen. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Sie sichern den Ort, weil ja jeder, der hier lebt, um sein Leben fürchten muss.“

Ein geräumtes Haus in Miskolc
Ein geräumtes Haus in Miskolc : Bild: Daniel Pilar

Horváth sagt, früher hätten die meisten Leute hier Arbeit im Stahlwerk gehabt. Die verfallenden Industriebauten kann man von der Siedlung aus sehen, fast so nah wie die Flutlichter des Stadions und die Betonwand eines Weltkriegsbunkers. Heute hat hier kaum jemand mehr Arbeit. Horváth ist privilegiert: Er ist bei der Roma-Selbstverwaltung angestellt.

Die meisten Leute zahlen, wenn sie zahlen, für die primitiven Häuser eine Warmmiete von 12.500 Forint im Monat, das sind weniger als fünfzig Euro. Kein Wunder, dass sie nicht freiwillig ausziehen wollen. Die neue Hoffnung heißt Kanada. Seit ein Gericht dort ungarische Roma als Asylbewerber akzeptiert hat, wollen alle dorthin auswandern. Horváth hält an einem Haus, klopft an das noch intakte Küchenfenster und gibt einem kleinen Jungen, der herauskommt, ein paar Blätter Papier in die Hand. Es ist ein Behördenbescheid für die Auswanderung. Horváth sagt: „Hier gibt es keine Hoffnung mehr. Worauf sollen sie noch warten?“

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