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Rolle des Weißen Hauses : Nach Abbottabad

Auch in Pakistan vermuten viele, dass Bin Ladin von staatlichen Kreisen geschützt wurde. Sein Versteck in Abbottabad Bild: AFP

Auch Amerika und Pakistan sind Schuld daran, wie über den Tod Bin Ladins debattiert wird: weniger über die Bedeutung als über den Hergang. Das Weiße Haus musste sich mehrmals korrigieren - in Islamabad präsentierte man sich als Überrumpelte.

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          Die amerikanische Regierung trifft Mitschuld, wenn weniger über Bedeutung und Folgen der wohl wichtigsten Operation gegen den Terrorismus debattiert wird als über deren Hergang. Nach den peinlichen Korrekturen des Weißen Hauses stehen zu viele Fragen im Raum – darunter jene, wer eigentlich Al-Qaida-Chef Usama Bin Ladin unter welchen Umständen getötet hat. Das Eingeständnis der Fotogesellschaft im „Situation Room“, entscheidende Minuten der Live-Übertragung aus Abbottabad wegen einer technischen Panne verpasst zu haben, mag manchem wie eine Absicherung vorkommen: Was immer über den Operationsverlauf noch herauskommen wird, Präsident Barack Obama und seine engsten Berater müssen jetzt nichts mehr davon gewusst haben. Die dürre Faktenlage, die das Vertrauen in die Integrität der amerikanischen Regierung testet, ändert aber nichts am Kern des Ereignisses: Usama Bin Ladin ist Geschichte, und die Amerikaner wollten es so.

          Derartige Grundgewissheiten lassen sich im Falle Pakistans nicht ausmachen. Auch die Regierung in Islamabad verpatzte die Gelegenheit, den Tod Bin Ladins zu ihrem Moment zu machen. Sie hätte den „großen Sieg“ (Premierminister Yousuf Raza Gilani am Montag) zu ihrem erklären und ihre Rolle beim Auffinden des Gesuchten, womöglich sogar bei der Logistik der Operation, herausstellen können. Dass sie sich stattdessen in Widersprüche verhakte, schließlich in Souveränitätsgezänk, ist – anders als in Washington – kein Ergebnis unprofessioneller Kommunikation, sondern Ausdruck eines politischen Abgrunds. In Pakistan, im Volk wie in den Spitzen von Politik und Militär, herrscht keine Einigkeit darüber, ob Al Qaida und ihre Ideologie die Welt bedrohen oder retten.

          Zwischen die Stühle gerutscht

          Mit seinen vagen Angaben zur Rolle Pakistans hatte Obama Islamabad zunächst die Chance gegeben, sich auf die richtige Seite zu stellen. Wohl aus Angst vor der verbreiteten Bin-Ladin-Sympathie im Land zogen es Gilani und Präsident Asif Ali Zardari vor, sich als Überrumpelte zu präsentieren. Erst daraufhin sprachen die Vereinigten Staaten von mangelndem Vertrauen und einer Operation, die nicht mit, sondern ohne – also letztlich gegen – Pakistan durchgeführt wurde.

          Wegen einer technischen Panne wurden entscheidene Minuten nicht in den „Situation Room” übertragen

          So ist Islamabad noch tiefer zwischen die Stühle gerutscht. Die einheimischen Extremisten, die im Gegensatz zu den afghanischen Taliban mit Al Qaida verbandelt sind, sehen die Regierung als mitschuldig am Ende Bin Ladins und riefen sie zum neuen Feind Nummer eins aus. Die pakistanische Öffentlichkeit weiß nicht, worüber sie sich mehr empören soll: über die Unfähigkeit eines Sicherheitsapparates, der nach eigener Aussage nichts von der Zufluchtsstätte gewusst haben will, oder über dessen Verruchtheit. Denn auch in Pakistan vermuten viele, dass Bin Ladin – zumindest über lange Zeit – von staatlichen Kreisen geschützt wurde.

          Kein Befreiungsakt, eine überfällige Neuausrichtung

          Noch schwieriger gestaltet sich jetzt das Verhältnis zu Washington. Die jüngsten Vorstöße aus dem Kongress, die Milliardenhilfen an Pakistan einzufrieren, könnten einen Kurswechsel vorwegnehmen. Schon länger wird gefragt, ob nicht zu viel Geld im Militär und in seinem Geheimdienst ISI verschwindet, der schon vor der Operation in Abbottabad als Teil des Terrorismus-Problems und nicht als Teil der Lösung wahrgenommen wurde.

          Bin Ladins Tod ist nicht der Befreiungsakt, mit dem sich fast zehn Jahre nach dem 11. September 2011 ein Kreis schließt. Statt das Ende des westlichen Engagements in der Region anzukündigen, markiert er vielmehr dessen überfällige Neuausrichtung. Nach Abbottabad dämmert auch den letzten Skeptikern, dass die Wurzeln des Übels nicht in Afghanistan (und schon gar nicht im Irak) zu finden sind. Sie lagen und liegen in Pakistan.

          Doch was tun? Mit seiner bisherigen Strategie stößt Washington erkennbar an Grenzen. Präsident Obama will weiterhin Drohnen einsetzen und, wo nötig, Kommandoaktionen anordnen. Das geht aber nur mit der klandestinen Unterstützung Islamabads, die nun weiter schwinden dürfte. Zugleich ist die politische Wirkung dieser Operationen begrenzt. Die erstaunlichen Erfolge bei der Ausschaltung von Extremisten halten mit der entfachten Wut und Radikalisierung der Massen kaum Schritt. In keinem Land der Welt leben heute so viele Menschen – innerhalb wie außerhalb der offiziellen Sphäre –, die den Westen hassen und mit Gewalt sympathisieren. Dass die politische und moralische Zerrüttung des Landes in dem Maße voranschreitet, wie die Zahl seiner Atomwaffen wächst, lässt erahnen, was eines Tages auf die pakistanische Nachbarschaft und auch auf die Welt zukommen kann. Nach Abbottabad wird die westliche Sicherheitspolitik ihre Prioritäten überdenken müssen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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