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Rohstoffe als Druckmittel : Der Russland-Brecher

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Ankunft der „Independence“ im litauischen Klaipeda: „Niemand kann uns mehr mit dem Gaspreis erpressen“ Bild: AFP

Russland geht eine scharfe Waffe gegen die baltischen Republiken verloren: Ein gigantischer Gastanker soll die Ostsee-Länder unabhängig von russischen Lieferungen machen.

          Die „Independence“ ist lange unterwegs gewesen. Fünfeinhalb Monate hat der schwimmende Koloss von der Größe eines Flugzeugträgers gebraucht, bis er auf seiner Jungfernfahrt um den halben Erdball von den Hyundai-Werften in Südkorea in die Ostsee seinen Bestimmungshafen erreicht hat. An diesem Montag hat er vor dem litauischen Klaipeda angelegt, sein Erscheinen wird das Kräftegleichgewicht in der Region möglicherweise so schnell verändern, wie sonst nur das eines Flugzeugträgers in einem Krisengebiet. Litauen erhofft sich im 24. Jahr nach der Loslösung von der Sowjetunion von diesem Schiff die volle Unabhängigkeit.

          Die „Independence“ ist ein mobiler Gashafen. Ihre Bestimmung ist es, Flüssiggastanker aus allen Weltmeeren andocken zu lassen, deren Brennstoff aufzunehmen und ihn ins baltische Leitungsnetz einzuspeisen. Weil die Anlage auf dem Schiff in der Lage sein wird, jährlich drei bis vier Milliarden Kubikmeter Gas umzupumpen, könnte sie den gesamten Bedarf Litauens decken. Es könnten nach Angaben von Experten sogar 75 bis 90 Prozent der Nachfrage aller drei Länder des Baltikums, also Litauens, Estlands und Lettlands, befriedigt werden.

          Weil die Anlage auf dem Schiff in der Lage sein wird, jährlich drei bis vier Milliarden Kubikmeter Gas umzupumpen, könnte sie bis zu 90 Prozent des gesamten Bedarf des Baltikums decken

          Bisher deckten die drei Länder ihren Gasbedarf in Ermangelung anderer Leitungen und Lieferanten vollständig aus russischen Lieferungen. Deshalb ist die „Independence“ das, was ein EU-Vertreter einmal einen „Game Changer“ nannte. Genau wie andere Abnehmer, in denen Moskau ein Liefermonopol hat, musste nämlich auch Litauen jahrelang mit einem Gaspreis leben, der mit 440 Dollar für 1000 Kubikmeter 15 Prozent über dem EU-Durchschnitt lag. Die baltischen Länder haben sich durch diese Abhängigkeit immer erpressbar gefühlt.

          Die „Gaskriege“ von 2006 und 2009, in denen Russland die Ukraine durch winterliche Lieferstopps bedrängte, haben sie daran erinnert, dass sie ebenfalls früher Republiken der Sowjetunion waren, dass in Estland und Lettland (wie in der Ukraine) große russophone Minderheiten leben und dass Gas eine scharfe Waffe des heutigen Russland ist.

          Die Ankunft der „Independence“ in Klaipeda kann diese Monopolmacht brechen. Estland, Lettland und Litauen sind bereits jetzt durch Leitungen vernetzt, demnächst sollen die Kapazitäten noch erweitert werden. Fachleute sind sich zwar nicht sicher, dass das Flüssiggas vom Weltmarkt wesentlich billiger sein wird als das russische Gas aus den Röhren der Sowjetzeit und wie schnell die Investition (430 Millionen Euro für zehn Jahre Schiffspacht mit einer Option auf Verlängerung) sich lohnen wird. Ihren eigentlichen Zweck aber könnte die „Independence“ vom ersten Augenblick an erfüllen. Die litauische Präsidentin Daria Grybauskaite hat ihn unlängst genannt: „Niemand kann uns mehr mit dem Gaspreis erpressen.“

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