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Rindfleischschmuggel in Indien : Den Kuhmördern auf der Spur

Narrenfreiheit: Kühe dürfen in Indien stehen und gehen, wo sie wollen. So wie in diesem Textilgeschäft in Varanasi, der heiligsten Stadt des Hinduismus. Bild: Olivier Culmann / Te

In Indien gelten weibliche Rindviecher als Göttinnen und somit unantastbar. Trotzdem wurden sie millionenfach zur Schlachtung nach Bangladesh geschmuggelt. Nun schreitet die Regierung ein.

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          Gourango Paul hat keinen Zweifel: Hier sind Kühe geschmuggelt worden. Wie ein Fährtenleser zeigt der Inder auf einen matschigen Weg, der zwischen zwei ärmlich aussehenden Bauernhäusern hindurchführt. Die schwarze Erde ist von Hufen aufgewühlt, die Abdrücke bilden kleine Krater, in denen braunes Wasser steht. „Einige müssen erst gestern über die Grenze gebracht worden sein“, sagt der Mann. In einem orangefarbenen Hemd, das ihm bis fast zu den Knien reicht, steht er auf einer schmalen Sandstraße. Links von der Straße liegt Indien, und auch die Straße selbst und ein schmaler Streifen daneben gehören noch zum indischen Staatsgebiet.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch dahinter beginnt Bangladesch: Kuhmörderland. Aus Sicht des gläubigen Hindus Paul ist das muslimische Nachbarland so etwas wie ein Vorhof zur Hölle. Denn während die friedlichen Tiere mit den arglosen Augen in Indien wie Göttinnen verehrt werden, finden sie in Bangladesch millionenfach den Tod. Meistens geschieht das per Hand, ohne Betäubung und unter unhygienischen Bedingungen. Der 30 Jahre alte Paul hat dafür gekämpft, dass der illegale Handel mit den Kühen ein Ende findet. In Indien kennen sie sie als „kamadhenu“, die Wunschkuh. Mehr als 300 Millionen soll es dort geben. Überall in den Dörfern und Großstädten laufen die Tiere frei umher. Häufig stehen sie mitten auf der Straße und behindern den Verkehr. Es gibt Herbergen, in denen die Kühe umsorgt und gepflegt werden. Und in vielen Städten verkaufen arme Frauen Gräser, mit denen Gläubige die Tiere füttern können.

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          Doch kriminelle Banden witterten ein Geschäft. Jahrelang fuhren sie in der Nacht mit Lastwagen durch die Städte und sammelten die herumstreunenden Rindviecher einfach ein. Oder sie kauften die Tiere armen Bauern ab. Die Kühe wurden in illegale Schlachthöfe gebracht oder eben über die Grenze nach Bangladesch geschleust. Fast so, wie in die andere Richtung die illegalen Einwanderer nach Indien kommen. In dem muslimischen Land stört sich niemand an der Schlachtung der Tiere. Ihr Fleisch wird verkauft und ihre Haut in der Lederindustrie verwertet.

          Bis zu 600 Millionen Dollar im Jahr

          Der indischen Regierung zufolge sollen allein im vergangenen Jahr 1,7 Millionen Rinder nach Bangladesch geschmuggelt worden sein. Da die Tiere dort einen höheren Preis als in Indien erzielen, war es ein einträgliches Geschäft. Bis zu 600 Millionen Dollar soll es angeblich im Jahr eingebracht haben. Doch für manche gläubige Hindus war es wie ein Stich ins eigene Herz. „Sie schlitzen sie einfach auf. Das ist für uns unerträglich“, sagt Gourango Paul, der der hindunationalistischen Indischen Volkspartei (BJP) angehört. Die Schmuggler umgingen alle Schlacht- und Verkaufsverbote für Kühe, die in der einen oder anderen Form in 24 der 28 indischen Bundesstaaten gelten. Selbst der Transport von Kühen ist in den meisten Bundesstaaten verboten. Lange schienen die Gegner des illegalen Kuhhandels dennoch machtlos. Die Gesetze wurden nicht durchgesetzt, die Grenztruppen steckten mit den Schmugglern unter einer Decke. Sie wurden mit Geld bestochen oder, wie Gourango Paul berichtet, von Prostituierten abgelenkt, die die Schmuggler des Nachts zu ihnen schickten.

          Genau genommen ist es mit dem Schutz ihrer Heiligkeit in Indien auch gar nicht so weit her. Trotz ihrer Sonderstellung sind viele Kühe klapperdürr und durchforsten den Müll am Straßenrand nach Essbarem. Zudem gibt es auch in Indien einen wachsenden Markt für Rindfleisch. In den vergangenen Jahren ist das Land laut einer amerikanischen Statistik sogar zum weltweit größten Exporteur von Rindfleisch aufgestiegen. Allerdings handelt es sich dabei überwiegend um Büffelfleisch, das in den Nahen Osten, nach Südostasien und über Umwege nach China verkauft wird. Wasserbüffel sind den Hindus nicht heilig. Aber es heißt, dass auch Kuhfleisch als Büffel deklariert werde.

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