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Rice in Indien : Auf heikler Vermittlungsmission

Außenministerin Rice in Indien: Aufgebrochen auf Drängen Islamabads? Bild: REUTERS

Wachsende Besorgnis in Washington: Offiziell hält Delhi noch am Friedensprozess mit Pakistan fest. Doch in Indien kursieren Gerüchte über Militärschläge und auch Islamabad gibt sich wenig diplomatisch. Der Auftritt der amerikanischen Außenministerin Rice gleicht einem Balanceakt.

          Auf zwei Gebieten wollen die Vereinigten Staaten Indien helfen, sagte Condoleezza Rice nach ihrer Ankunft in Delhi: bei der weiteren Aufklärung der Terrorangriffe von Bombay und beim Entwickeln wirksamer Präventionsstrategien für die Zukunft. Weil für technische Beratung nicht die Außenministerin persönlich einfliegen muss, dürfte es noch um mehr gegangen sein in den Gesprächen, die sie am Mittwoch mit der indischen Regierung führte. Dass Frau Rice schon am Donnerstag in Pakistan erwartet wurde, lässt darauf schließen, dass sie sich auf einer heiklen Vermittlungsmission befindet.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Amerikanische Zeitungen berichten von wachsender Besorgnis in Washington über die Entwicklungen in Indien und Pakistan. Aufgebrochen sei Frau Rice auf Drängen Islamabads, meinen europäische Diplomaten in Delhi zu wissen, und tatsächlich hat sich in Pakistan der Eindruck breitgemacht, dass Indien auf Konfrontationskurs gegangen ist. Auch um von eigenen Versäumnissen abzulenken, lenkt die Regierung Singh seit Tagen alle Aufmerksamkeit auf den Nachbarn. Nicht nur hatte der Premierminister noch während der Terrorangriffe gedroht, dass (zunächst nicht näher benannte) Nachbarländer einen „Preis“ zahlen müssten, wenn sie die einheimischen Terrorzellen unbehelligt ließen. Indiens Außenminister Mukherjee wurde in den Zeitungen sogar dahin gehend interpretiert, dass er Militärschläge gegen Pakistan nicht ausschließe.

          Auch Pakistan gibt sich wenig diplomatisch

          Offiziell hält Delhi noch am Friedensprozess mit dem Nachbarland fest, aber immer häufiger mischen sich Einschränkungen in das Bekenntnis. Die Stimmung in der Bevölkerung mache es schwierig, den Prozess wie gewohnt fortzuführen, sagte Mukherjee. Tatsächlich stellen inzwischen Teile der Gesellschaft den Sinn weiterer Friedensgespräche in Frage. Die „Times of India“ zitierte hochrangige Regierungsquellen mit der Ankündigung, dass die Fortführung der Friedensgespräche davon abhängig gemacht werde, ob Pakistan den Bitten zur Zusammenarbeit nachkomme.

          Mit diesen macht es Indien seinem Nachbarn nicht leicht, denn die „Bitten“ ähneln Anklagen. Zugleich verhält sich aber auch Pakistan wenig diplomatisch. Die zunächst gegebene Zusage Islamabads, den Chef des pakistanischen Geheimdienstes nach Delhi zu schicken, wurde einen Tag später mit fadenscheinigen Begründungen zurückgenommen. Ein weiteres Gesuch Indiens - die Auslieferung von mindestens zwanzig mutmaßlichen Terroristen - lehnte Islamabad bestenfalls geschäftsmäßig ab.

          Terroristen-Liste „gibt keine Anhaltspunkte“ für Auslieferung

          Die Terroristen-Liste umfasst so prominente Namen wie den international gesuchten Dawood Ibrahim sowie Hafis Said und Masood Azar. Dem gebürtigen Inder Ibrahim, der mit der Unterwelt in Bombay und Karachi verbunden ist, wird die Beteiligung an mehreren Bombenanschlägen vorgeworfen. Said ist der Gründer der „Lashkar-e-Toiba“, die für die Angriffe auf Bombay verantwortlich gemacht wird, und Azar führt die pakistanische Terrororganisation „Jaish-e-Mohammad“. Die drei Terroristen halten sich nach Erkenntnissen der indischen Regierung in Pakistan auf und bewegen sich dort unbehelligt.

          Der pakistanische Präsident Zardari begründete seine Auslieferungsweigerung am Mittwoch mit einem Mangel an Beweisen. „Bislang ist dies nur eine Liste mit Namen“, sagte er. „Es gibt keine Anhaltspunkte, keine Untersuchungen, wir haben nichts erhalten.“ Sollten Beweise gegen die Männer auftauchen, würden sie vor Gericht gestellt. Als wenig zufriedenstellend wird auch Zardaris Reaktion auf die Ermittlungen in Bombay empfunden. Der festgenommene Terrorist, dessen Namen die Polizei mit Mohammad Azmal Kasab angab und als Pakistaner auswies, habe keine Verbindungen in seine Heimat, sagte Zardari. Er bezweifle „sehr stark“, dass Kasab die pakistanische Staatsangehörigkeit habe, und halte es für falsch, die Schuld bei Pakistan zu suchen.

          Militärschlag auf Pakistan vorbereitet?

          In Indien kursieren Gerüchte, dass die Armee über Schläge auf pakistanische Terroristen-Lager nachdenkt. Der Staatssekretär im Außenministerium, Menon, kehrte gerade aus Washington zurück, wo er angeblich Möglichkeiten politischer und militärischer Unterstützung sondiert hat - bis hin zum Erwerb von Drohnen. Die Vereinigten Staaten haben bereits im Sommer mit Angriffen auf pakistanisches Territorium begonnen. Ziele sind mutmaßliche Lager von Terroristen und Taliban, die den Widerstand in Afghanistan unterstützen.

          Für Frau Rice bedeutet dies einen Balanceakt. Indien fühlt sich vom pakistanischen Terrorismus mindestens so bedroht wie Amerika und könnte auf sein Recht pochen, mit den gleichen Mitteln vorzugehen. Andererseits fürchtet die amerikanische Regierung kaum etwas mehr als eine Eskalation des indisch-pakistanischen Konflikts. Pakistanische Armeekreise haben schon angedeutet, wie sie reagieren würden: mit der Verlegung ihrer Truppen von der afghanischen an die kaschmirische Grenze. Für die Bekämpfung der Terroristen in den Stammesgebieten fehle dann die „Konzentration“, drohten die Militärs.

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