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Libanon besiegt den „IS“ : Mit falschen Freunden gegen den richtigen Gegner

Siegerposen im Niemandsland: libanesische Soldaten im Grenzgebiet zu Syrien Bild: Christoph Erhardt

Die libanesische Armee feiert den Abzug der Dschihadisten aus dem Grenzgebiet zu Syrien. Doch nun muss sie mit den Schattenseiten des Erfolgs kämpfen.

          Dem libanesischen Gefreiten ist die Erleichterung anzumerken. „Sechs Tage haben wir unsere Schuhe nicht ausgezogen“, sagt der Soldat, der sich schlicht als Ali vorstellt. Harte Kämpfe seien das gewesen. Jetzt kriecht und rumpelt der Geländewagen durch befreites Niemandsland. Immer wenn der Gefreite Ali in der ockerfarbenen, bergigen Einöde einen Höhleneingang oder am Rande eines ausgetrockneten Flusslaufes eine zerstörte Stellung oder das Gerippe eines Pritschenwagens sieht, ruft er laut: „Da war mal Daesch.“ Dann besteht er auf ein Foto.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Daesch“, wie die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) in der arabischen Welt genannt wird, hatte jahrelang aus diesen Bergen die Sicherheit des Libanons bedroht. Die Terroristen schickten Attentäter an Kontrollpunkte der Armee, verbreiteten mit Anschlägen Terror in den Grenzdörfern. Es ist eine verlassene Gegend, wo syrische Rebellen Unterschlupf fanden und sich Dieselschmuggler trafen. Im Verlauf des Krieges nisteten sich die Dschihadisten des IS ein.

          Jetzt sind sie vertrieben worden. Auf den Anhöhen, wo sich die IS-Kämpfer eingegraben hatten, sind jetzt Schützenpanzer der libanesischen Armee postiert, auf deren Dächern sich feiernde Soldaten aufreihen. Aus der Ferne sind am Vormittag noch einzelne Detonationen zu hören, Rauch steigt auf. Der IS zerstöre womöglich im Zuge seines Abzugs seine Stellungen und Fahrzeuge, erklärt ein Offizier. Andere berichten stolz von taktischen Manövern zur Rückeroberung der Anhöhen, den Drogenfunden und den ausgehobenen Waffenlagern. Nur auf einem nordöstlichen Außenposten steigt die Anspannung wieder etwas, als auf einer Bergkette am Horizont Fahrzeuge auftauchen. „Das ist der IS, der abzieht“, erklärt ein Oberst. Die Dschihadisten sind in die Flucht geschlagen worden, der IS hat eine weitere Niederlage in seinem arabischen Kernland erlitten. Nur an der Propagandafront wird noch gekämpft.

          Die Hizbullah war maßgeblich an Sieg über den IS beteiligt

          Dass die libanesischen Streitkräfte die Presse am Montag ins entlegene Grenzland einluden, dürfte unter anderem damit zu tun haben, dass die Offensive gegen die dschihadistischen Gruppen, die sich dort eingenistet hatten, in einer heiklen Konstellation geführt wurde. Nicht nur die Armee hat hier gekämpft. Milizionäre der schiitische Hizbullah waren maßgeblich am Sieg über die sunnitischen Extremisten beteiligt. Sie hatten in benachbarten Regionen im Grenzgebiet zusammen mit den syrischen Streitkräften gegen Dschihadisten gekämpft, die zu der früher unter dem Banner von Al Qaida kämpfenden Nusra-Front zählten.

          Dem libanesischen Militär ist es wichtig, den Sieg über den IS als seinen Triumph zu feiern. Immer wieder hatte die Armeeführung deutlich gemacht, man kämpfe auf sauber getrennten Schlachtfeldern, es gebe keine Kooperation mit der libanesischen Schiitenmiliz. Diese präsentierte sich selbst patriotisch und staatstragend. Sie hatte nach Einschätzung westlicher Diplomaten die Armee im Antiterrorkampf im Grenzgebiet vor sich hergetrieben. Die schiitische Organisation arbeite daran, die Unruheherde auszumerzen, heißt es aus westlichen Sicherheitsbehörden. Zwar wird bekräftigt, dass die verschiedenen libanesischen Geheimdienste und die Armee die Lage im Griff hätten. Aber es heißt auch, sie arbeiteten unter zunehmendem Druck.

          Für die Streitkräfte ist es aus mehreren Gründen unangenehm, als Partner der Hizbullah dazustehen. Diese gilt zum einen wichtigen Unterstützern wie den Vereinigten Staaten als Terrororganisation. Zum anderen baut die Organisation, die längst ein Staat im Staat ist, ihre Macht im Libanon stetig aus und fordert immer wieder die Autorität der Regierung heraus. Jetzt feiert sie sich als Speerspitze im Kampf gegen den dschihadistischen Terrorismus. Hizbullah-Anführer Hassan Nasrallah wirkte fast gönnerhaft, als er in einer Ansprache am Montagabend den Sieg über die Terroristen im Grenzland pries. Der 28. August solle künftig als zweite Befreiung des Landes gefeiert werden, sagte er in Anspielung an den israelischen Abzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000. Nasrallah beschuldigte Amerika und Israel, den IS geschaffen zu haben. Er dankte dem syrischen Machthaber Baschar al Assad für die gute Zusammenarbeit. Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana gab das Kompliment zurück.

          Die syrische Staatspresse bestätigte auch eine bemerkenswerte Abzugsvereinbarung, mit dem die Militäroperation beendet wurde und an dem die Hizbullah maßgeblich mitgewirkt haben dürfte. Der als Hizbullah-nah und gewieft geltende Geheimdienstchef Abbas Ibrahim war nach Angaben hoher Militärs eine Schlüsselfigur in den Verhandlungen mit dem IS. Die Übereinkunft schloss auch das syrische Regime ein; für Präsident Assad ist die Hizbullah ein wichtiger Alliierter. Die IS-Kämpfer sollten sich demnach vollständig über die Grenze nach Syrien in die östliche Provinz Deir el Zor zurückziehen. Die Dschihadisten händigten unter anderem Leichname libanesischer Soldaten aus, die 2014 im Grenzgebiet, im Ort Arsal verschleppt worden waren; einer gilt jedoch noch als vermisst. Busse brachen am Montag mit den IS-Kämpfern und ihren Familien nach Deir el Zor auf. Abbas Ibrahim sagte im Radio, die Extremisten hätten abziehen dürfen, weil der Libanon kein rachsüchtiges Land sei.

          Die Streitkräfte gingen hingegen auf Distanz zu dem Deal. „Unsere einzige Bedingung war, dass es keine Verhandlungen geben dürfe, bis wir die verschleppten Soldaten zurückbekommen – tot oder lebendig“, sagt ein hoher Offizier. „Wir machen keine Deals“, sagt der Gefreite Ali empört. Er hat kurz zuvor auf eine Stelle gewiesen, an der einige seiner Kameraden getötet wurden. Aber er ist stolz auf das, was sie erreicht haben. „Wir sind bereit, euch zu verteidigen.“

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