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Das Leid der Rohingya

Von TILL FÄHNDERS (Text) und DANIEL PILAR (Fotos)

26.08.2017 · Im größten Flüchtlingslager der Welt: Vor einem Jahr begann Burmas Militär eine brutale Kampagne gegen die Volksgruppe der Rohingya. Hunderttausende sind vor Mord, Folter und Vergewaltigung über die Grenze nach Bangladesch geflohen.

S chon fast eine Stunde lang sind wir über die staubigen Sandwege gelaufen. In der sengenden Mittagshitze geht es vorbei an endlosen Reihen von Hütten, Zelten und Verschlägen. Es ist Ende Januar, einige Monate nach dem Beginn der großen Flucht der Rohingya aus Burma nach Bangladesch, und wir wollen in dieser sich immer weiter ausbreitenden Siedlung einen Ort finden, an dem sich neu ankommende Menschen niederlassen. Aber nach jeder Biegung, jedem Hügel kommt ein neuer Abschnitt des Lagers in den Blick. Wir laufen an Männern mit langen Kinnbärten vorbei, an Schülern in Uniformen und Männern, Frauen und Kindern, die in großen Bündeln Äste auf dem Rücken tragen.

Es fehlt an allem: Stundenlang stehen die Menschen an, wenn Hilfsorganisationen Brennmaterial und Lebensmittel ausgeben.

Als wir nach einer halben Ewigkeit schließlich eine Stelle erreichen, an der einige Neuankömmlinge gerade an ihren neuen Behausungen zimmern, ist unsere Haut verbrannt und unsere Kehlen sind trocken. Es ist der Moment, an dem uns die Dimension dieses Ortes bewusst wird. Kutupalong im Südosten von Bangladesch ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Rund eine Million Menschen lebt dort. Die Rohingya sind eine muslimische Bevölkerungsgruppe, der im mehrheitlich buddhistischen Burma die Anerkennung als Volk und sogar die Staatsangehörigkeit verweigert wird.

Ihr großer Exodus begann vor genau einem Jahr, nach dem militante Rohingya Stützpunkte des burmesischen Militärs und der Polizei angegriffen und mehrere Personen getötet hatten. Danach starte eine brutale Kampagne des Militärs. Eine unbekannte Zahl Rohingya wurde ermordet, gefoltert und vergewaltigt. Rund 700 000 Rohingya sind seither über die Grenze geflohen und haben sich in Kutupalong niedergelassen, wo schon seit Jahren die Opfer früherer Vertreibungswellen lebten. Sie schwammen direkt über den Grenzfluss, kauerten sich eng auf Fischerbooten zusammen oder wanderten tagelang über Hügel, durch den Dschungel und über die Felder. Als wir zum ersten Mal nach Beginn der Krise an die Grenze von Bangladesch und Burma reisen, können wir noch schwarze Rauchwolken über brennenden Rohingya-Dörfern sehen. Ein Rohingya schleppt sich durchnässt über die Grenze. Auf der linken Seite seines muskulösen Oberkörpers klafft eine Schusswunde.

Schier endlos ziehen sich die Ansammlungen von Hütten, die Reihen provisorischer Verschläge und die Zeltlager der geflohenen Rohingya über Hügel und Felder nahe der Stadt Cox's Bazar. Viele der Unterkünfte sind durch Erdrutsche gefährdet, wenn während des Monsuns der Untergrund durch starke Regenfälle aufgeweicht wird.

Damals und bei den darauf folgenden Besuchen in Kutupalong hören wir Menschen zu, deren Angehörige vom Militär erschossen, zu Tode geprügelt, mit Messern zerstückelt worden sind. Ein Teenager-Mädchen erzählt uns, wie sie von mehreren Soldaten vergewaltigt wurde. Eine Frau berichtet unter Tränen, wie ein Soldat ihr zwei Monate altes Baby in die Flammen einer Hütte schleuderte. Die meisten von ihnen haben nur das mitnehmen können, was sie am Leibe tragen. Manche schleppten ein paar Habseligkeiten in Säcken oder Taschen mit sich. In Kutupalong finden sie weder Arbeit noch irgendeine andere Beschäftigung. Kriminalität, Missbrauch und Entführungen gehören zum Alltag. Wir treffen die 16 Jahre alte Monjora, die sich in der nahe gelegenen Küstenstadt Cox’s Bazar prostituiert. Das Geld, das sie bekommt, ist für ihre Familie der einzige Verdienst. Sie hat ihr Gesicht bis auf einen Augenschlitz verhüllt, als sie da von erzählt. Die 14 Jahre alte Shahinara berichtet, wie sie von einer Frau überredet wurde, ihr mit dem Bus in die Stadt zu folgen. Ihr war ein Job als Haushaltshilfe versprochen worden. Stattdessen wird sie vier Nächte lang von verschiedenen Männern vergewaltigt.

Es verwundert nicht, dass Hilfsorganisationen vor allem die Hoffnungslosigkeit beklagen, mit der die Menschen in Kutupalong kämpfen. Unicef warnt vor einer „verlorenen Generation“ von Kindern. Mehr als 6000 Minderjährige leben ohne Eltern in dem Camp. Viele von ihnen sind traumatisiert. Es fehlt an Bildungsangeboten, medizinischer Versorgung und sogar grundlegenden Dingen wie Feuerholz. Während des Monsuns werden Wege überschwemmt, es kommt zu Erdrutschen, Krankheiten breiten sich aus.

Am Rand des Flüchtlingslagers sprechen wir mit dem 32 Jahre alten Mohammed Nur, der gerade das Lehmfundament für seine Hütte spachtelt. Er ist zu diesem Zeitpunkt erst seit einer Woche in Bangladesch. Doch seine Familie stellt sich auf einen langen Aufenthalt ein. Sie hat nur noch einen ungünstigen Platz für ihre Hütte abbekommen. Wenige Tage zuvor war hier ein wilder Elefant durch die Felder getrampelt. Wie viele Flüchtlinge hier glaubt Nur nicht an eine schnelle Rückkehr. Erst müsse Burma die Sicherheit und die Rechte der Rohingya garantieren. „Eher sterbe ich hier“, sagt der Mann.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.08.2018 09:52 Uhr