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20 Jahre Karfreitagsabkommen : Weil Steine nicht um die Ecke fliegen

In Derry gibt es mehrere hausgroße Wandgemälde der „Troubles“ Bild: AFP

Seit dem Abkommen vom Karfreitag 1998 gab es im nordirischen Derry kaum mehr gewaltsame Todesfälle. Aber wie belastbar ist der Frieden in Zeiten des Brexits?

          5 Min.

          Am River Foye, an dessen Mündung Nordirlands zweitgrößte Stadt steht, ist von Festtagslaune wenig zu spüren. Unten in Belfast wird an diesem Dienstag mit internationaler Prominenz auf zwanzig Jahre Karfreitagsabkommen zurückgeblickt, aber hier oben in Derry, zwei Autostunden entfernt, macht man sich Sorgen um den Fortbestand des historischen Friedensvertrages – zumindest offiziell. „Das Karfreitagsabkommen steht unter Feuer“, klagt Elisha McCallion, die den Wahlkreis bei den britischen Parlamentswahlen gewonnen hat (und wie alle siegreichen Kandidaten der Sinn Fein das Mandat in Westminster nicht wahrnimmt). Glaubt man der nationalistischen Politikerin, wird das Karfreitagsabkommen von den britischen Tories gefährdet, der Democratic Unionist Party (DUP) und deren gemeinsamem Projekt: dem Brexit. Die Sinn Fein, die sich im gewaltsamen Kampf gegen die Briten als „politischer Arm“ der IRA verstand, rückt sich heute als die wahre Friedenspartei ins Licht. „Wir werden alles tun, um das Karfreitagsabkommen zu schützen“, versichert McCallion.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Man muss nur einen Spaziergang durch Derry machen, um zu sehen, wie wach hier die Erinnerungen an die „Troubles“ sind, die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die in den dreißig Jahren vor dem Karfreitagsabkommen mehr als 3000 Menschen das Leben kosteten. Die Innenstadt ist voll von großflächigen Bildern, die Sympathisanten der IRA seit den sechziger Jahren auf fensterlose Hauswände gemalt haben. Sie zeigen „Volkskämpfer“, die sich mit Weltkriegsgasmasken gegen die britische Polizei schützt, sie erinnern an Opfer und an Helden und Heldinnen, die den Kampf gegen London angeführt hatten. 1972 war Derry, das damals noch den verhassten Namen „Londonderry“ trug, Schauplatz des „Blutigen Sonntags“, als britische Sicherheitskräfte in eine Demonstration katholischer Nationalisten schossen und 14 Menschen töteten, darunter mehrere Teenager. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis sich die britische Regierung entschuldigte. Erst 2010, zwölf Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, nannte der damalige Premierminister David Cameron das Vorgehen der Sicherheitskräfte „nicht gerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen“.

          Seit dem Karfreitagsabkommen gibt es in Derry kaum noch gewaltsame Todesfälle. Aber das Misstrauen zwischen den nationalistischen, Dublin zugeneigten Katholiken und den unionistischen, an London orientierten Protestanten ist geblieben. Über den River Foyle, der die beiden Gruppen (mit kleineren Ausnahmen) bis heute trennt, ist mit Geldern der Europäischen Union eine „Friedensbrücke“ geschlagen worden. Sie verbindet die beiden Ufer nicht auf direktem Wege, sondern verläuft in einer Schlangenlinie. Die Einwohner von Derry haben eine sarkastische Erklärung für den Architektenentwurf: „Steine lassen sich nicht um die Ecke werfen“, heißt es. Gemeint ist: Wenigstens auf der Brücke können sich die beiden Gruppen nicht direkt angreifen.

          Unweit von Derry verläuft die Grenze zur Irischen Republik. Die Abgeordnete McCallion ist eine typische Grenzgängerin: Schon um ihre Tochter zur Schule zu bringen und wieder abzuholen, überquert sie die unsichtbare Linie täglich. Sollte sie wegen des Brexits wieder befestigt werden, drohe „Unruhe“ in ihrem Wahlkreis, warnt McCallion. Dabei spricht sie nicht einmal von Grenzübergängen oder uniformierten Beamten. Schon Kameras würden als „Angriffsziele“ betrachtet werden, sagt sie. Führt der Brexit Nordirland also in die dunklen Zeiten zurück? Das hält Ian Paisley junior, der sich in Belfast zum Gespräch bereitfindet, für Unsinn. Der Sohn des legendären Protestantenführers gleichen Namens ist ein glühender Anhänger des Brexit. Die 1,8 Millionen Nordiren sprachen sich im Juni 2016 mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU aus, aber in Paisleys Wahlkreis North Antrim stimmten 56 Prozent für den Brexit. Er zeigt sich überzeugt, dass der geplante Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und der Europäischen Zollunion „keinen Einfluss“ auf den Friedensprozess haben werde. Niemand wolle eine harte Grenze zurück, versichert er, und mit ein bisschen „Flexibilität“ ließe sich eine gute Lösung für die Zoll- und Grenzfrage finden. Der Brexit, sagt Paisley, werde von der Sinn Fein „als Waffe benutzt“, um ihr Fernziel durchzusetzen: die Wiedervereinigung des britischen Nordirlands mit der Irischen Republik.

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