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Einreisen nach China : „Teils gravierende medizinische Maßnahmen“

Passagiere in der Abflughalle des Pekinger Flughafens am 3. Februar Bild: dpa

China schottet sich immer mehr ab. Wer einreisen will, muss bis zu vier Wochen Quarantäne und willkürliche medizinische Prozeduren über sich ergehen lassen. Das Auswärtige Amt zeigt sich besorgt.

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          Eine Einreise in China wirft inzwischen Fragen der körperlichen Unversehrtheit auf. Das spiegelt sich in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes wider, die in dieser Woche noch einmal verschärft wurden. „Medizinische Maßnahmen der chinesischen Seite sind invasiv und beinhalten neben teils täglichen Blutentnahmen häufig auch Computertomografie-Aufnahmen“, heißt es dort.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Details erspart das Amt den Reisewilligen. Zu den „invasiven“ Maßnahmen zählen Rektaltests, die nun routinemäßig bei Einreisen nach Peking zur Anwendung kommen. Dafür müssen die Betroffenen vor den Testern die Hosen runterlassen, falls diese sich nicht mit Stuhlproben begnügen. Betroffene erzählen, dass das für beide Seiten eine entwürdigende Situation sei.

          Stigma einer früheren Erkrankung

          Wer das Pech hat, im gleichen Flugzeug zu sitzen, in dem ein anderer später positiv auf Sars-Cov-2 getestet wird, der kann nach Angaben des Auswärtigen Amts „bei Einreise in sofortige mehrwöchige Krankenhausquarantäne überführt und weitreichenden Untersuchungen unterzogen“ werden. Das gilt auch für Menschen, die vor Monaten an Covid-19 erkrankt und eigentlich längst auskuriert sind. Für die chinesischen Behörden ist es unerheblich, ob jemand negative PCR- und Bluttests vorweisen kann. Das Stigma einer früheren Erkrankung reicht aus.

          Ob jemand ungefährlich ist, entscheidet im Zweifelsfall der „Leader“. So heißen die Vorgesetzten, auf die Behördenmitarbeiter stets verweisen, um zu erklären, warum sie da leider auch nichts machen können. Der „Leader“ allerdings delegiert die Verantwortung gern weiter nach oben, zum nächsten „Leader“, der dann lieber kein Risiko eingehen will.

          Reisewillige sollten sich auf „teils gravierende, staatlich angeordnete medizinische Maßnahmen“ einstellen, warnt das Auswärtige Amt. Eltern, die mit Kindern einreisen, müssen befürchten, wochenlang von diesen getrennt zu werden, selbst wenn es sich um Kleinkinder handelt. Das ist der Fall, wenn die Tochter oder der Sohn wegen Infektionsverdachts ins Krankenhaus gebracht wird. Eltern haben dort keinen Zutritt. Nach der Entlassung werden immer neue Tests gemacht, die, wenn man Pech hat, zur „sofortigen Rückverlegung“ führen können. Die Folge: Ohnmacht.

          Innerhalb Chinas gelten je nach Stadt oder Provinz unterschiedliche Regeln. Peking verlangt drei bis vier Wochen Quarantäne, Schanghai dagegen nur zwei. Die obligatorische Isolationszeit in Peking wurde verlängert, nachdem einzelne Fälle der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Mutante aufgetaucht waren. Die Zuständigkeiten der verschiedenen Behörden und Parteiorgane sind so undurchsichtig, dass nicht vorhersehbar ist, welche Regeln zur Anwendung kommen.

          Willkürliches Vorgehen gegen Ausländer

          Ein Beispiel: Eine Deutsche verbrachte nach der Einreise zwei Wochen zur Quarantäne in einem Hotel in Schanghai. Da sie in Peking wohnt, erbat sie von ihrem „Nachbarschaftskomitee“ die Erlaubnis, ihre dritte Quarantänewoche in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Solche Komitees sind die niedrigste Verwaltungsebene des Parteiapparats.

          Die Erlaubnis wurde erteilt. Doch als die Frau aus Schanghai kommend in Peking landete, wurde sie von der Polizei abgefangen und nach stundenlangen Verhandlungen in einem Krankenwagen mit Blaulicht in ein Hotelzimmer von zwölf Quadratmetern gebracht. Beim Einchecken wurde sie mit Desinfektionsmittel besprüht und außerdem gefilmt. Das für sie zuständige Quarantänekomitee wollte sich so gegen Kritik absichern.

          „Ich war so geschockt, dass ich mehr als einen Tag lang nichts essen konnte“, berichtet die Deutsche. Das zuständige Komitee fürchtete womöglich einen Hungerstreik, es informierte jedenfalls sowohl den Arbeitgeber der Frau als auch das Nachbarschaftskomitee über die nicht eingenommenen Mahlzeiten.

          Der Fall zeigt, wie nervös die lokalen Behörden in Peking derzeit sind. Dabei ist die Zahl der Neuinfektionen in ganz China gerade wieder auf null gesunken. Die Nervosität hat mehrere Gründe: Erstens will Peking unter allen Umständen verhindern, dass Mutanten ins Land eingeschleppt werden. Zweitens reisen derzeit wegen des Frühlingsfestes deutlich mehr Chinesen als sonst, was die Gefahr neuer Ausbrüche erhöht. Drittens findet im März das jährliche Treffen des Volkskongresses statt. Eine Infektion politischer Amtsträger würde dem Ruf der Kommunistischen Partei schaden.

          Anders als in fast allen Ländern der Welt ist in China bisher kein einziger Fall eines infizierten Politikers bekannt geworden. Die drastischen Maßnahmen dienen wohl auch der Abschreckung, damit möglichst wenige Leute einreisen. Für Ausländer ist eine Einreise ohnehin nur mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung oder mit Sondergenehmigung möglich. Womöglich sind die „invasiven Maßnahmen“ aber auch Teil einer zunehmenden Abschottungspolitik, die bisweilen paranoide Züge annimmt. Alles, was von außen kommt, wird von manchen inzwischen mit Misstrauen beäugt.

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