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Kosovo : Kritik der Kaffeehaustischheroen

Die Mitglieder des Parlaments werden vereidigt Bild: Reuters

Serbiens Präsident Vučić sagt Unerhörtes über das Kosovo: Seine Landsleute sollten sich endlich mit der Unabhängigkeit des einstigen Landesteils abfinden.

          In Serbien fällt das Sommerloch heuer aus. Den Anstoß dazu gab Staatspräsident Aleksandar Vučić, der Mitte Juli einen Essay über das Kosovo veröffentlichte, über den das Land seither streitet. Was Vučić schreibt, ist für serbische Verhältnisse etwa so, als hätte der türkische Präsident Erdogan zugegeben, dass es 1915 einen osmanischen Genozid an den Armeniern gab. Vučić springt damit über den düsteren Schatten der serbischen Geschichte, an dessen Entstehung er einst eifrig mitgewirkt hatte. Er fordert seine Landsleute zu dem Eingeständnis auf, dass das Kosovo, das sich 2008 mit amerikanischer und westeuropäischer Unterstützung für unabhängig erklärte, für Serbien, abgesehen vom serbisch besiedelten Norden, verloren ist.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Bei vielen Serben ist diese Einsicht zwar längst verbreitet, zumal sie andere Sorgen haben: Es geht ihnen um Arbeitsplätze, gute Schulen für ihre Kinder oder bezahlbaren Wohnraum, nicht um den Mythos vom ewig serbischen Amselfeld. Doch führende serbische Politiker wagten es aus Furcht vor einer kleinen, aber wirkungsmächtigen Minderheit nationalistischer Intellektueller, orthodoxer Bischöfe und anderer Demagogen bisher kaum, in kosovarischen Dingen Ross und Reiter zu nennen. Wenn ein Belgrader Politiker es sich leisten konnte, mit dieser Feigheit vor dem Wähler zu brechen, dann Vučić. Spätestens seit er im April mit absoluter Mehrheit die Präsidentenwahl gewann, hat der frühere Ultranationalist, dessen Serbische Fortschrittspartei auch das Parlament dominiert, in Belgrad so viel Macht wie kein serbischer Politiker seit dem Autokraten Slobodan Milošević in den neunziger Jahren.

          „Es ist die Zeit gekommen, dass wir als Volk damit aufhören, wie ein Strauß den Kopf in den Sand zu stecken, dass wir versuchen, realistisch zu sein“, schrieb Vučić und fordert seine Landsleute auf, nicht darauf zu warten, „dass uns das in die Hände fällt, was wir schon längst verloren haben“. Die Lösung im Streit um das Kosovo liege nicht „in unseren Mythen und Kämpfen“, schreibt Vučić und erinnert die Serben daran, dass „die Albaner für die Durchsetzung ihrer nationalen Ideen eine bedeutende Unterstützung der Mehrheit der westlichen Staaten haben“.

          Publikumsbeschimpfung

          Passagenweise ist Vučićs Text, der in der Belgrader Boulevardzeitung „Blic“ erschien, eine Art Publikumsbeschimpfung. Er knöpft sich das – von ihm im Wahlkampf noch umworbene – Milieu Belgrader Boulevardjournalisten und Halbintellektueller vor, die den Balkan durch ein Glas Sliwowitz betrachten und das Kosovo mit großtuerischen Reden vom Kaffeehaustisch aus verteidigen. Das seien Menschen, so Vučić, die nicht einmal wüssten, „wo das Kosovo liegt, nicht dort waren und auch nie dorthin fahren und noch weniger dort leben werden, (...) aber gern alle anderen in das Kosovo schicken würden, um sie die blutige Geschichte des eigenen Landes zu lehren“.

          Karte Kosovo

          An manchen Stellen deutet der Text auf die intellektuelle Handschrift der israelischen Berater hin, die Vučić seit Jahren um sich schart. Männer wie Aron Shaviv, Chef der Firma Strategy and Campaigns, die nach eigener Aussage „auf das Gewinnen von Wahlkampagnen“ spezialisiert ist. Shaviv will bisher 14 Präsidenten und Regierungschefs sowie nicht näher benannten Kunden der EU-Kommission zu Wahlsiegen verholfen haben, in Israel, in Thailand, Polen, Kenia oder eben in Serbien. Ein anderer Einflüsterer Vučićs aus Israel ist der Marketingstratege Asaf Eisin, und wenn Vučić in seinem Essay ausführlich den einstigen israelischen Präsidenten Schimon Peres zitiert, liegt das wohl auch an seinen Beratern. Peres, so Vučić, habe seine Verhandlungen mit den Palästinensern auch mit den Kosten des Nichtverhandelns begründet. Das gelte ebenso für Belgrads Dialog mit Prishtina – man denke nur daran, was dem Balkan (wieder) drohe, wenn Serben und Kosovo-Albaner nicht mehr miteinander sprächen: „Nach den vielen Jahren, in denen ich mich mit der Politik in unseren Sphären befasst habe, kenne ich die Antwort sehr gut“, schreibt Vučić, der während des Krieges der Nato gegen Jugoslawien 1999 „Informationsminister“ einer von Milošević kontrollierten Belgrader Regierung war.

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