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Kosovo : Kritik der Kaffeehaustischheroen

Knapp zwei Dekaden später regt er nun einen „inneren Dialog“ über das Kosovo an, damit die Serben sich von unrealistischen Vorstellungen verabschieden. Nicht für „ein Schulterklopfen in irgendeiner westlichen Botschaft“, versichert Vučić, sondern „weil es so nötig ist wie nie zuvor, dass wir alle gemeinsam eine Antwort finden“. Eine, die Bestand habe und den Kampf als Option ausschließe. Das verlange „nach einem Kopf, der vom ständigen Nachdenken heiß ist, einem Herzen, das übertriebenen Emotionen gegenüber kühl ist, und nach Händen, die vom Kompromiss beschmutzt sind“. Die Tür zur EU stehe offen für Serbien, „doch wir wollen im Gegenteil einen Konflikt aufrechterhalten, dessen Sinn wir nicht verstehen“, bemängelt der serbische Präsident. Damit müsse Schluss sein. Serbien müsse wenigstens versuchen, „den kosovarischen Knoten zu lösen“.

„Denn das Glück wird nicht davon abhängen, woher wir kommen, sondern davon, wohin wir gehen.“

Vučić zitiert dazu den 1992 verstorbenen Schriftsteller Borislav Pekić, der mit seinem satirischen Roman „Zeit der Wunder“ einst die Komiker von Monty Python zu ihrem Film „Das Leben des Brian“ mit angeregt hatte. Der erzliberale Pekić hatte den serbischen Nationalismus stets kritisiert und geschrieben: „Man soll das Land seiner Kinder lieben, nicht das seiner Großväter. Denn das Glück wird nicht davon abhängen, woher wir kommen, sondern davon, wohin wir gehen.“

Mit einer Paraphrase dieses von ihm oft aufgegriffenen Pekić-Zitats beendet Vučić seinen Kosovo-Aufsatz, der seither Aufmerksamkeit erregt wie kaum je ein politischer Text in Serbien. Die Zeitungen sind täglich voll mit Beiträgen über das Für und Wider von Vučićs Vorstoß, womit der Präsident erreicht hat, was er wollte: jenen „inneren Dialog“ über das Kosovo, in dem mit alten Tabus gebrochen wird, vor allem unter Akademikern und Intellektuellen. Deren nationalistischer Zweig versucht zwar verzweifelt, die Luftherrschaft über die Debatte zu behalten, gerät aber stark in Bedrängnis. Der einstige serbische Rechtsradikale Vučić hat die heutigen serbischen Rechtsradikalen weitgehend marginalisiert, und so toben sie über den „Verrat“ am Kosovo. Derweil wird Vučić auch von einigen linksliberalen serbischen Intellektuellen kritisiert, obwohl er nun endlich sagt, was sie seit Jahren fordern. Doch dürfe man ihm nicht trauen, heißt es aus diesen Kreisen, wo viele verwirrt wirken und den alten, martialischen Vučić, an den sie sich gewöhnt hatten, als Feindbild zu vermissen scheinen.

Belgrad versucht Aufnahme des Kosovos in Unesco zu verhindern

Intellektuelle wie Dušan Kovačević hingegen, Autor bitterschwarzer Komödien, die im einstigen Jugoslawien so bekannt sind wie Loriots Werke in Deutschland, unterstützen Vučić. Der Autor von Drehbüchern für Filme wie den in Cannes mit einer Goldenen Palme prämierten „Underground“ schlug in die gleiche Kerbe wie der Präsident: „Meine Haare stehen zu Berge, wenn ich Leute höre, die in ihren Lehnstühlen in Belgrad sitzen und zur Verteidigung Serbiens aufrufen. Die, die das sagen, können keine 100 Meter am Stück laufen, müssen dreimal am Tag essen und zweimal in 24 Stunden schlafen. Wenn der Krieg an einem Nachmittag ausbräche, könnten sie nicht daran teilnehmen, weil sie gerade eingeschlafen wären“, karikierte er Serbiens Kosovo-Schreibtischheroen. Vučić dagegen habe Mut gezeigt, so Kovačević.

Nun hat derselbe Vučić erst vor Tagen wieder bekräftigt, Belgrad werde alles tun, um eine Aufnahme des Kosovos in die UN-Kulturorganisation Unesco zu verhindern. Einstweilen sind Vučićs gezielte Provokationen der serbischen Volksseele also vor allem Worte. Aber es sind immerhin Worte, die bisher so nicht zu hören waren aus Belgrad.

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