https://www.faz.net/-gpf-xs0d

Referendum in Südsudan : Auf Gedeih und Verderb

  • -Aktualisiert am

Ehemalige Opfer der nordsudanesischen Armee im „Weißen Haus” am Rande von Juba Bild: Marcus Kaufhold

Lange war der Süden Sudans dem Norden ausgeliefert. Die Geschichten, die in Juba erzählt werden, in der Hauptstadt des Südens, handeln von Hunger, Krieg und Folter. An diesem Sonntag wird auf friedliche Weise abgerechnet.

          Der Ort des Schreckens wirkt unscheinbar: ein viereckiger Bau mit nicht einmal mannshohen Mauern, ein Wellblechdach und darunter eine steile Treppe, die in den Untergrund führt. Doch wer damals, während des Krieges, diese steile Treppe hinuntergestoßen wurde in ein verwinkeltes Bunkersystem, der wusste nicht, ob er das Tageslicht jemals wiedersehen würde. Das „Weiße Haus“, wie das geheime Gefängnis der nordsudanesischen Armee wegen seiner gekalkten Wände genannt wird, war das Symbol des Terrors des Nordens gegen den Süden Sudans. Tausende Südsudanesen starben in den unterirdischen Verliesen der großen Kaserne am Rande Jubas. Sie wurden erschlagen, erstochen oder zu Tode gefoltert, wenn man sie nicht einfach an Durst sterben ließ.

          Julius Mikon Onena steigt zaghaft die Treppe hinunter bis zum ersten Zellentrakt. „Wer hierherkam, der hatte noch Glück, weil es wenigstens ausreichend Luft gab“, erzählt er. Was sich weiter unten in der Bunkeranlage abspielte, die heute unter Wasser steht, hat der 46 Jahre alte Julius am eigenen Leib erfahren; die Prügel morgens, mittags und abends; die Folter mit Ochsenziemern, Lederpeitschen und Knochenscheren, von der sich nur die wenigsten wieder erholten; nachts wurden Mithäftlinge abgeführt, von denen seither jede Spur fehlt. „Aus dem Innern dieses Kerkers kam kaum jemand zurück.“

          „Ich habe nichts vergessen

          Dreimal war Julius in den neunziger Jahren hier inhaftiert, und warum er dreimal überlebt hat, ist ihm auch heute noch ein Rätsel. Um im „White House“ inhaftiert zu werden, reichte es, jemanden zu kennen, der jemanden kannte, der bei den südsudanesischen Rebellen der „Sudan People’s Liberation Army“ (SPLA) war. Einmal verbrachte Julius sogar sechs Monate in dem Loch, weil er versucht hatte, dem Elend in Südsudan durch eine Flucht nach Uganda zu entkommen. Sein bester Freund, mit dem zusammen er sich aufgemacht hatte, starb in dem Bunker. „Für die Araber waren wir Schwarzen keine Menschen. Wir waren Kakerlaken, die man einfach totschlagen konnte“, sagt er und befühlt dabei die Graffiti an den Wänden des Verlieses, wo Häftlinge mit ihren Fingernägeln ihre Namen in den Kalk gekratzt haben, um nicht gänzlich spurlos zu verschwinden. „Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals für möglich gehalten hätte“, erinnert sich Julius an diese schlimme Zeit. „Ich habe nichts vergessen.“

          Vertriebene kehren in ihre Heimat im Süden Sudans zurück; sie leben am Hafen von Juba im Zeltlager

          Geschichten wie die von Julius Mikon Onena, dem Mann mit dem kleinen Kinnbart und dem ansteckenden Lachen, lassen sich an nahezu jeder Ecke in Juba finden, der Hauptstadt Südsudans. Vier Millionen Wahlberechtigte entscheiden hier am Sonntag, ob sie in der islamischen Republik Sudan bleiben wollen oder ob ein neuer Staat entsteht. Das Referendum ist Bestandteil des Friedensvertrags, der 2005 zwischen dem muslimischen Norden und dem christlich-animistischen Süden geschlossen wurde. Über den Ausgang besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur, ob es 80 oder sogar 90 Prozent der Wähler sein werden, die dem Norden endgültig den Rücken kehren wollen. 23 Jahre Krieg liegen hinter Südsudan. 2,5 Millionen Menschen starben durch Kampfhandlungen, Hunger, fehlende medizinische Behandlung oder eben durch die Hände der Folterknechte aus Khartum. „Wir haben sie kennengelernt, die Araber, und wir wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben“, sagt Julius. So denken nahezu alle Südsudanesen.

          Dreizehn Jahre war Julius alt, als der Krieg ausbrach. Damals hatte die Regierung in Khartum einen Offizier namens John Garang in den Süden entsandt, um eine drohende Meuterei der südsudanesischen Soldaten im Keim zu ersticken. Garang aber solidarisierte sich mit den Meuterern, gründete die Rebellenbewegung SPLA und schwor, den Konflikt nach Khartum zu tragen.

          Weitere Themen

          Ein Land mit vielen Helden

          Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

          Moscheen, Medresen, Mausoleen: Das märchenschöne Usbekistan öffnet sich dem Tourismus, springt mit seiner Geschichte aber nicht gerade sanft um.

          Topmeldungen

          Pendler auf der London Bridge

          Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

          Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

          Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

          Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.
          Das war’s: Antonio Brown zieht die Schuhe nicht mehr an für die Patriots.

          Suspendierter NFL-Star Brown : Der tiefe Fall des Ballfängers

          Das erwartbare Ende einer Football-Karriere: Nach dem Vorwurf sexueller Übergriffe kündigen die Patriots und Nike ihre Millionenverträge mit dem NFL-Profi. Eine Zukunft in der NFL ist so gut wie ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.