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Referendum auf der Krim : Mit Kunstpelz, Wurstbrot und Sturmgewehr

Wahl mit durchsichtigen Urnen. Bei der Abstimmung in Sewastopol. Bild: AP

Auf der Krim machen Familien einen Ausflug ins Wahllokal, eine Frau singt russische Lieder, andere verteilen Brote. Dann ist da auf einmal ein bewaffneter Mann des „Selbstschutzes“. Szenen aus Simferopol.

          Szenen aus Simferopol, am Tag des Referendums. Auf der Puschkinstraße, in der zentralen Fußgängerzone, zeigt sich die Hauptstadt der Krim auf der einen Seite in Feiertagsstimmung: Eine in schneeweißen Kunstpelz gekleidete Sängerin gibt auf dem Trottoir russische Schnulzen zum Besten, Familien mit Mutter, Vater, Oma und Enkelkind haben sich zum Sonntagsspaziergang mit dem schwarz-orange gestreiften Sankt-Georgs-Band geschmückt, dem Symbol der Anhänglichkeit an Russland. An den Ecken geben unter den wohlwollenden Augen folkloristisch-martialisch gewandeter „Kosaken“ rotwangige Mütterchen Tee und Wurstbrote aus.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf der anderen Seite dann diese Szene im Wahllokal „Musikschule Nummer 1“: Plötzlich kommt ein Mann, untersetzt, böse, schwarze Lederjacke. Lose am Arm trägt er ein russisches Sturmgewehr des Typs AK 74. Ungefragt spaziert er herein ins Wahllokal, während zwei ältere Leute gerade ihre Zettel in die Wahlurne werfen. Auf die Frage eines Fernsehjournalisten, wer er sei und was er hier tue, faucht er, er gehöre hier zum „Selbstschutz“ der prorussischen Separatisten, und wie er heiße, gehe die Presse einen feuchten Kehricht an. Schließlich steigt er in ein Auto mit verdunkelten Scheiben, wo einige Kumpane warten, und braust davon.

          Trotz solcher Szenen scheint das „Referendum“ über den Beitritt zu Russland, zu dem neu die eingesetzte „Regierung“ der am 11. März proklamierten „Republik Krim“ für den vergangenen Sonntag aufgerufen hat, zunächst ohne schwerere Zwischenfälle verlaufen zu sein. Die geheimnisvollen Schwerbewaffneten, deren Zugehörigkeit zur russischen Armee die russische Regierung standhaft leugnet, waren zwar überall sichtbar, auch Feuerwehr und Sanitäter standen an allen Ecken, aber zumindest bis zum Nachmittag war die Stimmung nicht gewalttätig. An der großen Zahl von Passanten, die am Sonntag die gestreiften Bänder oder die russische Trikolore trugen, war auch nach außen erkennbar, dass der Gedanke eines Anschlusses an die Russische Föderation hier tatsächlich durchaus nicht unpopulär ist.

          Die EU hat darauf verzichtet, Beobachter zu entsenden

          Dennoch wird von vielen bezweifelt, dass das Referendum wirklich geeignet ist, den Willen der Bevölkerung auf der Krim darzustellen. Die EU oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) halten es für derart fehlerhaft, dass sie von vornherein davon abgesehen haben, Beobachter zu entsenden. Die Sprecherin der OSZE begründete das am Wochenende noch einmal damit, dass solche Missionen nur auf Einladung des Staates entsandt würden, in dem eine Abstimmung gehalten werde. In diesem Fall hätte das die Ukraine sein müssen – und nicht etwa die selbstausgerufene „Republik Krim“. Von Kiew allerdings, wo das Referendum als Ausdruck von „Separatismus“ abgelehnt wird, habe man keine Einladung erhalten.

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