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Rede an die Nation : Obama zieht 33.000 Soldaten aus Afghanistan ab

  • Aktualisiert am

Rede an die Nation: Obama wird 33.000 Soldaten aus Afghanistan abziehen Bild: dpa

Nun ist es offiziell: Nach fast zehn Jahren Afghanistan-Krieg wollen die Vereinigten Staaten die ersten Soldaten abziehen. Bis Sommer nächsten Jahres sollen es mehr als 30.000 sein. Zur Begründung gab Obama Fortschritte im Kampf gegen Al Qaida an.

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          Der amerikanische Präsident Barack Obama leitet nach fast zehn Jahren Afghanistan-Krieg den Truppenabzug aus Afghanistan ein. In einer Rede an die Nation kündigte er am Mittwochabend (Ortszeit) an, bis zum Sommer nächsten Jahres 33.000 Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Bereits in diesem Jahr soll der Truppenumfang am Hindukusch um 10.000 schrumpfen. Seine Entscheidung stützte Obama insbesondere auf deutliche Fortschritte im Kampf gegen die Mitglieder des Terrornetzes Al Qaida, die Afghanistan lange Jahre als Operationsbasis benutzt hatten.

          Obama war angesichts der hohen Kriegskosten, der schwachen Wirtschaft und immensen Staatsverschuldung im eigenen Land zunehmend unter Druck geraten, die Afghanistan-Soldaten zügig nach Hause zu bringen. Ende nächsten Jahres finden in Amerika Präsidentschaftswahlen statt, Obama bewirbt sich um eine zweite Amtszeit. In seiner Rede sagte er nun, es sei Zeit, dass sich sein Land mehr auf sich selbst konzentriere. „Es ist Zeit, an der eigenen Nation zu bauen.“

          Zugleich erteilte er Rufen nach einem amerikanischen Isolationismus eine Absage. Stattdessen warb er für internationale Zusammenarbeit bei Krisen wie derzeit im Fall Libyen. Zurzeit sind etwa 100.000 amerikanische Soldaten am Hindukusch im Einsatz. Der Abzug von 33.000 Soldaten entspricht der Zahl, um die Obama die Truppe in Afghanistan im September 2009 aufgestockt hatte, um die wachsende Gewalt im Land einzudämmen.

          Bis Mitte nächsten Jahres soll der Abzug der 33.000 Soldaten dauern.
          Bis Mitte nächsten Jahres soll der Abzug der 33.000 Soldaten dauern. : Bild: dpa

          „Wir beginnen diesen Truppenabbau von einer Basis der Stärke aus“, sagte Obama mit Bezug auf die Erfolge im Kampf gegen das Terrornetz Al-Qaida und offenbar auch mit Blick auf Spitzengeneräle, die sich für einen langsameren Abzug eingesetzt hatten. „Al Qaida steht unter mehr Druck als je zuvor seit dem 11. September.“ Die Terrororganisation habe bereits Schwierigkeiten, getötete Kader zu ersetzen.

          „Das ist der Anfang - aber nicht das Ende“

          Zusammen mit Pakistan sei es gelungen, die Hälfte der Al-Qaida-Führung auszuschalten. „Und dank unserer Geheimdienstfachleute und Spezialeinheiten haben wir Usama Bin Ladin getötet, den einzigen Führer, den Al Qaida jemals gekannt hat“, sagte Obama. Er hob zudem die „ernsten Verluste“ hervor, die den radikalislamischen Taliban zugefügt worden seien und verwies weiter auf Fortschritte beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte, denen die Vereinigten Staaten und die Nato bis Ende 2014 die Verantwortung für die Sicherheitslage im Land übertragen wollen. Bis dahin solle der Truppenabbau „stetig“ fortgesetzt werden, sagte Obama, ohne allerdings Einzelheiten zu nennen. „Natürlich bleiben große Herausforderungen, das ist der Anfang - aber nicht das Ende - unserer Bemühungen, diesen Krieg herunterzufahren.“

          Auch in der eigenen Partei hatte es Forderungen nach einem umfangreicheren und schnelleren Abzug gegeben. Viele Experten waren sich im Vorfeld der Rede einig: Die große Herausforderung in den kommenden Monaten wird nicht darin liegen, den Beginn des Abzugs zehntausender Soldaten zu rechtfertigen, sondern die Öffentlichkeit bis zum endgültigen Ausstieg davon zu überzeugen, dass die auf längere Sicht immer noch starke Truppenpräsenz trotz hoher Kosten sinnvoll ist.

          Ein Telefonat mit Angela Merkel

          Obama gestand ein, dass es ohne eine politische Vereinbarung keinen Frieden in Afghanistan geben könne. So würden sich die Vereinigten Staaten an Initiativen zur Versöhnung der Bevölkerung unter Einschluss der Taliban beteiligen. Erst vergangene Woche hatte die amerikanische Regierung erstmals offiziell bestätigt, dass sie mit den Taliban Gespräche mit dem Ziel einer politischen Friedenslösung sucht. Obama nahm auch Pakistan in die Pflicht. Es müsse seine Rolle bei der Sicherung einer friedlichen Zukunft in der Region ausweiten. Solange er Präsident sei, werde er es nicht dulden, dass es in einem Land sichere Zufluchtsorte für Terroristen gebe, die Amerika bedrohten.

          Vor der Ansprache hatte der Präsident führende Politiker in der Region, allen voran den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, über seine Pläne informiert. Er telefonierte auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei einem Nato-Gipfel Mitte Mai nächsten Jahres in Chicago will er mit seinen Verbündeten über die weitere Afghanistan-Strategie beraten.

          Frankreich will 4000 Soldaten schrittweise abziehen

          Frankreich schließt sich den Plänen der Vereinigten Staaten für einen Abzug seiner Truppen aus Afghanistan an. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagte am Donnerstag, der schrittweise Abzug der rund 4000 französischen Soldaten werde proportional zu jenem der amerikanischen Truppen durchgeführt und mit den übrigen Alliierten und den afghanischen Behörden abgestimmt sein. Barack Obama habe Sarkozy vorab von seinen Abzugsplänen informiert, hieß es in einer Mitteilung aus dem Büro Sarkozys.

          Obama habe den Rückzug mit den erreichten Fortschritten in Afghanistan begründet, hieß es in der Erklärung. Er teile diese Auffassung, sagte Sarkozy. Sarkozy sagte, dass Frankreich den Einsatz in Afghanistan bis zum Ende der Übergangsphase, nach der afghanische Sicherheitskräfte die Kontrolle übernehmen sollen, begleiten werde. 62 französische Soldaten sind in Afghanistan bislang ums Leben gekommen.

          Noch keine Größenordnung für deutschen Truppenabzug

          Die Bundesregierung will sich anders als die Vereinigten Staaten noch nicht auf eine Größenordnung für den Truppenabzug aus Afghanistan in diesem und im nächsten Jahr festlegen. „Wir haben Vorstellungen, aber wir wollen erst dann konkrete Zahlen nennen, wenn sie verkündungsreif sind“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Donnerstag in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. „Zuvor werden wir nicht spekulieren.“ Die Größenordnung für den Abzug werde erst nach Abstimmung mit den europäischen Partnern festgelegt. Die Bundesregierung will Ende des Jahres mit dem Abzug beginnen, falls die Lage es zulässt. Derzeit sind etwa 5000 deutsche Soldaten in Afghanistan.

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