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Recep Tayyip Erdogan : Der Realo

Der Islam blieb Erdogans private Richtschnur, aber er erkannte, dass ein Staat sich nicht damit regieren ließ Bild:

Erdogans Reformeifer ist erlahmt. Sein Land ist ziviler, aber nicht demokratischer geworden. Irgendwann wird sich der Erdoganismus als Instrument zur Modernisierung der Türkei überlebt haben. Dann wird die Türkei einen neuen Reformer benötigen.

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          In den Lebensläufen berühmter Politiker, Reformer, Diktatoren und anderer sogenannter großer Männer fehlt selten die Urszene, das einschneidende Ereignis junger Jahre. Auch in der Biographie von Recep Tayyip Erdogan findet sich eine solche Legende, die für sein späteres Wirken vermeintlich prägend war. Der türkische Ministerpräsident hat selbst davon erzählt, und es ist unerheblich, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Selbst wenn Erdogan sie erst nachträglich zu einem prägenden Erlebnis stilisiert haben sollte, gewährt sie einen Einblick in das Wesen des Politikers, der das vergangene Jahrzehnt in der Türkei geprägt hat und noch lange nicht bereit ist, die Bühne wieder zu verlassen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Geschichte spielt Anfang der sechziger Jahre im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa, und ihr Held ist etwa sieben Jahre alt. Etwas zu jung eigentlich für den Hauptdarsteller einer politischen Erweckungsszene, aber so will es die Anekdote. Tayyip, Sohn von Zuwanderern aus der Schwarzmeerstadt Rize, blättert in einem Journal, das sein Vater mit nach Hause gebracht hat. Dabei stößt er auf ein Foto, das einen Mann in Sträflingskluft zeigt. Die Hände des Mannes sind zusammengebunden, der Hals steckt in einer Schlinge. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er wenige Augenblicke später tot sein wird. „Damals habe ich nicht viel verstanden. Aber ich sah, dass mein Vater und meine Mutter sehr bestürzt waren, den Mann auf seinen Tod zugehen zu sehen. Es war eine aufgewühlte Atmosphäre zu Hause“, sagte Erdogan Jahre später, als er schon Regierungschef der Türkei war.

          Ein Mittelstürmer namens Erdogan

          Der Mann auf dem Foto war einer seiner Amtsvorgänger: der türkische Ministerpräsident Adnan Menderes, der von 1950 an die Türkei regiert und das Land bis zum Militärputsch vom Mai 1960 durch marktwirtschaftliche Reformen vorsichtig geöffnet hatte. Und der am 17. September 1961 hingerichtet wurde. Dass Menderes alles andere war als ein vorbildlicher Demokrat, störte die Militärs nicht. Den Generälen missfiel aber, dass Menderes dem Islam wieder mehr Geltung verschaffen wollte.

          Mehr und mehr übernimmt Erdogan die autoritären Herrschaftsmuster des Militärs und des Justizapparats

          Der kleine Junge, der damals im elterlichen Hause das Foto des zum Tode Verurteilten sah, setzte einige Jahrzehnte später das von Menderes begonnene Werk fort, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Tayyip Erdogan besuchte in Kasimpasa eine Imam-Hatip-Schule, also eine Lehranstalt, die bei der Wissensvermittlung besonderen Wert auf den Islam legt. Nebenbei spielte er Fußball, und es gab angeblich Zeiten, da soll er kurz davor gewesen sein, sein Hobby zum Beruf zu machen. Die Welt hätte dann vielleicht von einem Mittelstürmer namens Erdogan gehört, seinen Namen aber längst wieder vergessen. Als er Mitte zwanzig war, hörte Erdogan mit dem Fußballspielen auf und wandte sich ernsthaft seiner zweiten Leidenschaft zu, der Politik.

          Schon seit den siebziger Jahren engagierte er sich in der Jugendorganisation der damaligen Partei des Islamisten Necmettin Erbakan, bis die Militärs im September 1980 putschten und alle Parteien verboten. Als die Generäle drei Jahre später politische Betätigung wieder zuließen, begann Erdogans Aufstieg in Erbakans „Wohlfahrtspartei“. Von 1985 an war Erdogan ihr Bezirksvorsitzender in Istanbul, und weniger als ein Jahrzehnt später kannte das ganze Land seinen Namen: Ebenso überraschend wie knapp gewann er im März 1994 die Bürgermeisterwahl in Istanbul.

          Der Islamist bewährte sich als Manager

          Schon Erdogans Wahlkampf war ungewöhnlich und neuartig gewesen. Viele Frauen (in Kopftüchern natürlich) warben für ihn, klopften an die Wohnungstüren, während Erdogan und seine männlichen Mitstreiter durch die verruchten Kneipen von Beyoglu zogen und die Wähler auf den richtigen Weg zu bringen suchten. Bei der Auszählung der Stimmen in den arrivierten Istanbuler Stadtteilen lag Erdogan zurück, doch als die Ergebnisse aus den Vorstadtvierteln einliefen, holte er auf. Kaum ein Viertel der Stimmen reichten ihm zum Sieg in einer zersplitterten Parteienlandschaft. Das gebildete Istanbul erwachte in Angst: Ein Islamist, ein Mann des Mittelalters, war an die Macht gekommen, ein „schwarzer Türke“ aus Kasimpasa! Im Wahlkampf hatte er versprochen, auf dem Taksim-Platz eine Moschee zu errichten, doch nach seiner Machtübernahme erwies er sich als erstaunlich pragmatisch. Die Idee mit der Moschee ließ er fallen, löste stattdessen aber viele der Aufgaben, die seine Vorgänger ignoriert hatten. Er verbesserte die Wasserversorgung und die Müllabfuhr der Stadt, ließ Brücken und Straßen bauen. Der Islamist bewährte sich als Manager.

          Doch dann kam der erste Knick in seiner Karriere: „Wegen eines Gedichtes, das er in einer öffentlichen Rede in der Provinz Siirt im Dezember 1997 zitierte, wurde Recep Tayyip Erdogan zu einer Gefängnisstrafe verurteilt“, heißt es in seinem offiziellen Lebenslauf. Um welches Gedicht es sich handelte, wird ausgespart: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Zu diesen Zeilen gehört Erdogans berühmter Satz von der Demokratie, die nur der Zug sei, „auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind“. Erdogan bestreitet diese Aussagen nicht, aber er distanziert sich heute von ihnen. Es soll ein anderer Erdogan gewesen sein, der so etwas gesagt hat.

          Ist Erdogan der richtige Mann?

          Tatsächlich hatte er sich in den neunziger Jahren immer weiter von seinem einstigen Mentor Erbakan entfernt. Der Islam blieb seine private Richtschnur, aber er erkannte, dass ein Staat sich nicht damit regieren ließ. So wurde Erdogan gleichsam zum Führer der muslimischen Realos, die sich von Erbakans Fundis abspalteten und im Sommer 2001 die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) gründeten. Der Rest ist auch außerhalb der Türkei bekannt: Seit der Parlamentswahl von 2002 ist die AKP die stärkste Partei des Landes, und ein Ende ihrer dominierenden Rolle ist nicht abzusehen.

          Die AKP steht an der Spitze eines Machtkampfes der muslimisch geprägten „anatolischen Bourgeoisie“ gegen die kemalistisch geprägten Minderheiten der Städte, die das Land über Jahrzehnte kontrolliert hatten. Als Mittel in diesem Kampf setzte die AKP in den Jahren nach 2002 Reformen durch wie keine der vielen Parteien vor ihr. Doch inzwischen ist Erdogans Reformeifer erlahmt, und immer häufiger wird die Frage gestellt, ob er der richtige Mann sei, um die Türkei zu einem modernen Staat zu machen.

          Die viel gepriesenen Verfassungsänderungen, die die AKP am vergangenen Wochenende durchsetzte, sind bei näherem Hinsehen nur ein kleiner Wurf; ein demokratischer Aufbruch sind sie nicht. Mehr und mehr übernimmt Erdogan die autoritären Herrschaftsmuster des Militärs und des Justizapparats, deren Einfluss er mit Erfolg zurückdrängt. Seine Türkei ist ziviler, aber nicht demokratischer geworden. Irgendwann wird sich der Erdoganismus als Instrument zur Modernisierung der Türkei genauso überlebt haben wie der Kemalismus schon lange. Dann wird die Türkei einen neuen Reformer benötigen, der jetzt vielleicht noch ein kleiner Junge ist, irgendwo in der Türkei ein Journal durchblättert, Fotos von Erdogan betrachtet und sich vornimmt, auch einmal berühmt zu werden.

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