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Treffen mit Tsipras : Erdogans Tor zum Westen

Erdogan trifft in Athen Tsipras (Archivaufnahme vom September 2016, aufgenommen bei den UN in New York). Bild: AP

Es bleiben Erdogan nicht viele Orte, zumal in Europa, an die er unbeschwert reisen kann. Umso freudiger hat er jetzt eine Einladung aus Griechenland angenommen. Es geht aber um mehr als nur Händeschütteln.

          Der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan hat nicht lange auf sich warten lassen. Erst am 23. Oktober hatte ihm der griechische Außenminister Nikos Kotzias die Einladung des griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos überbracht. Erdogan soll sie mit Freude entgegengenommen und gesagt haben, jetzt müsse er unbedingt Griechenland besuchen. Schon an diesem Donnerstag beginnt der zweitägige Besuch.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Es bleiben Erdogan nicht viele Orte, zumal in Europa, an die er unbeschwert reisen kann. Seine Reisen nach Griechenland sind ihm in guter Erinnerung. So war er am 18. November 2002 zwei Wochen nach dem Erdrutschsieg seiner AKP, als er noch nicht einmal Parteivorsitzender sein durfte, bei seiner ersten Auslandsreise in Athen als der „neue Führer der Türkei“ mit allen Ehren eines Regierungschefs empfangen worden, was er erst vier Monate später wurde. 2005 war er der erste türkische Spitzenpolitiker, der die türkische Minderheit in Thrakien besuchen durfte.

          Jetzt, da die Beziehungen der Türkei zum Westen belastet sind, ist der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras einer der wenigen westlichen Politiker, an die sich Erdogan wenden kann. Tsipras wird damit für Erdogan zum Tor in den Westen. Während sich Trump und Erdogan gegenseitig ablehnen, unterhält der linke Volkstribun Tsipras beste Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten. So gefällt sich Tsipras in einer Zeit, in der die meisten Europäer gegen Trump sind, darin, öffentlich von Amerika und dessen Präsidenten zu schwärmen. Der gewiefte Taktiker Tsipras, tut damit das, was er als Studentenführer gelernt hat und am besten kann: die Schwächen der anderen Akteure zu erkennen und auszunutzen. Auch mit dem frommen Muslim Erdogan versteht er sich gut. Schließlich mobilisieren sie ihre Anhänger in ähnlicher Form: Tsipras teilt die Menschen in Habende und Habenichtse auf, Erdogan in fromme Sunniten und Nichtgläubige. Heute braucht Erdogan Tsipras.

          Erdogan will auch die Beziehungen zu Israel abbrechen, während das Verhältnis Griechenlands zu Israel so gut wie lange nicht ist. Erst am Mittwoch haben Griechenland, Israel, Zypern und Italien eine Absichtserklärung für das Projekt „East Net“ unterzeichnet, das Gas aus dem östlichen Mittelmeer nach Italien befördern soll.

          Offiziell wird Erdogan Tsipras an dessen Versprechen erinnern, die acht Soldaten auszuliefern, die nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 nach Griechenland geflohen sind. Die griechische Justiz hat ihnen aber Asyl gewährt. Griechenland hofft dennoch, das sich die Türkei weiter an das Flüchtlingsabkommen hält. Ein Thema wird möglicherweise der Rüstungswettlauf sein. Denn nachdem die Türkei in den vergangenen Jahren F-35-Tarnkappenbomber gekauft hat, will Griechenland für 2,5 Milliarden Euro seine F–16-Flotte modernisieren, hat dazu aber eigentlich nicht das Geld.

          Am Tag vor Erdogans Ankunft war Athen dem Ausnahmezustand nahe. Wie an jedem 6. Dezember gab es Ausschreitungen, die an die Tötung des jugendlichen Aktivisten Alexis Grigoropoulos vor neun Jahren erinnern. Am Freitag wird Erdogan in einer Moschee in Komotini das Freitagsgebet verrichten und sich in geschlossenem Kreis mit Vertretern der türkischen Minderheit treffen. Die griechische Seite setzte durch, dass es keine öffentliche Veranstaltung geben wird.

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