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Rebellenangriffe im Kaukasus : Der Krieg kommt nach Naltschik

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Die Tschetschenen stiften im ganzen Nordkaukasus Unruhe. Nach den Angriffen von Rebellen hat Putin die Sicherheitskräfte angewiesen, alle Kämpfer „auszulöschen“. Rund 50 Menschen sind ums Leben gekommen.

          Gewehrfeuer über der Stadt, detonierende Granaten, brennende Wohnhäuser, Leichname und Verwundete auf den Straßen - am Donnerstag morgen hat der Krieg im Nordkaukasus Naltschik erreicht, die Hauptstadt der Republik Kabardino-Balkarien, eine einst idyllische Kurstadt in den Bergen. Das Mobilfunknetz in der Stadt brach nach einer Explosion zusammen, das stationäre Telefonnetz versagte seinen Dienst, und der Verkehr kam zum Erliegen. Vom neuen Präsidenten der Republik, dem erst vor einem Monat ernannten Arsen Kanokow, und seinem Ministerpräsidenten Gennadij Gubin war nur wenig zu hören, solange die Kämpfe dauerten.

          Es war der Tag, an dem allein die Sicherheitskräfte das Sagen zu haben schienen, und aus der Ferne führte der Kreml Regie. Umzingelt, gestellt und vernichtet werden sollten die Angreifer, lautete der Befehl aus Moskau. Die gleichzeitigen Angriffe auf mehrere Gebäude von Miliz und Geheimdienst und den Flughafen am Morgen hatten nach Ansicht der Sicherheitskräfte das Ziel, Islamisten Entlastung zu verschaffen, die in einer Vorstadt von der Miliz gestellt worden waren. Der Bevollmächtigte Präsident Putins für die südlichen Gebiete der Föderation, Dmitrij Kosak, versprach, daß die Lage in Naltschik sich bis zum Abend stabilisiert haben werde. Aus der politischen Führung der kleinen Republik wurden am Nachmittag bereits erste Anzeichen des Stolzes über die angeblich gelungene Aktion der Sicherheitskräfte vernommen. Es heißt, die Sicherheitskräfte seien vor einer Serie von Anschlägen gewarnt worden und hätten sich seit Mittwoch in besonderer Alarmbereitschaft befunden.

          Sofort wurden islamistische Terroristen vermutet

          Wer die Angreifer waren und wie viele es waren, blieb unklar - es kursierten Zahlen zwischen 150 und 600. Aber wie immer in solchen Fällen im Nordkaukasus wurden sofort islamistische Terroristen hinter dem Geschehen vermutet. Der Vorsitzende des Ausschusses der Duma für die Angelegenheiten des Kaukasus, Wladimir Katrenko, sagte am Nachmittag, die erfolgreichen Aktionen der Sicherheitskräfte in Tschetschenien gegen den tschetschenischen Untergrund hätten zur Folge, daß sich die Extremisten nach Dagestan, Inguschetien und Kabardino-Balkarien absetzten. Die Gefahr von Terroranschlägen sei in diesen Gebieten nun deshalb besonders groß.

          Das russische Fernsehen zeigt den Einsatz in Naltschik

          In der Tat sind in Dagestan in letzter Zeit sehr viel mehr Anschläge und Zwischenfälle zu verzeichnen als in Tschetschenien, wo die Staatsmacht alles daransetzt, vor den Parlamentswahlen im November Ruhe zu erzwingen. Diese Wahl gilt dem Kreml als letztes Argument, um die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, daß der Krieg in Tschetschenien zu Ende sei. In den angrenzenden Kaukasusrepubliken wächst die Gewalt unterdessen. Präsident Putin hatte im Sommer gefordert, Rußlands Stellung im Kaukasus müsse militärisch gefestigt werden. Seither haben die Aktionen der Sicherheitskräfte nicht nur in Tschetschenien zugenommen.

          Sie wollen den Kaukasus in Brand stecken

          Auf der anderen Seite ist es unverkennbar, daß die tschetschenischen Separatisten, und insbesondere der berüchtigte Terrorist Schamil Basajew, ihren Krieg gegen Moskau auch mit der Absicht in die Nachbarrepubliken tragen, den Kaukasus in Brand zu stecken, von Rußland abzutrennen und dort einen islamischen Gottesstaat zu verwirklichen. Auf der Internetseite der tschetschenischen Separatisten hieß es am Donnerstag, Einheiten der „Kaukasusfront“, die zu den Streitkräften des tschetschenischen Untergrundstaates gehörten und zu denen auch die karbadino-balkarische Gruppierung „Jarmuk“ zähle, seien in die Stadt Naltschik eingedrungen.

          In den Nachbarrepubliken treffen die tschetschenischen Extremisten bei den Glaubensbrüdern indessen keineswegs immer auf Gegenliebe. Allerdings haben die meist korrupten Regime in diesen Gebieten den Nährboden für Gewaltbereitschaft bereitet. Unter dem viele Jahre amtierenden Präsidenten Walerij Kokow wurde die Wirtschaft Kabardino-Balkariens zugrunde gerichtet. Vetternwirtschaft und Korruption höhlten die staatlichen Strukturen aus. Oppositionelle wurden unter dem Vorwand verfolgt, sie seien muslimische Fundamentalisten. Das hatte zur Folge, daß vor allem junge Menschen sich zur Wehr zu setzen begannen und tatsächlich für fundamentalistische Propaganda anfällig wurden.

          Die Stabilität ist gefährdet

          Der Vorsitzende der Organisation der islamischen Bevölkerung im Nordkaukasus und Direktor des Instituts für islamische Forschungen in Naltschik, Ruslan Nachuschew, warnt, diese Art von „Politik“ gefährde die Stabilität im Lande und diene im Grunde nur den Fundamentalisten. Zugleich verschlechterte sich das Verhältnis zwischen einzelnen Volksgruppen im Land. Die größte Volksgruppe in der etwa 900 .000 Personen zählenden Bevölkerung sind die Kabardiner, die Balkaren sind in der Minderheit. Der neue Präsident Kanokow ist Kabardiner, Ministepräsident Gennadij Gubin ist Russe.

          Der Wunsch der Balkaren nach Berücksichtigung ihrer Volksgruppe bei der jüngst vorgenommenen Umbildung der politischen Führung blieb unberücksichtigt. Kakonow war vom Kreml auserkoren worden, weil er politisch nicht in der Teilrepublik engagiert sei, sondern als Dumaabgeordneter in Moskau politisch tätig sei und dort auch seinen privaten Geschäften nachgehe. Dies werde ihn dazu befähigen, in der korrupten Republik für Ordnung zu sorgen. Es scheint nun aber, daß Kakonow durchaus auch in Naltschik eigene Wirtschaftsinteressen hat; zudem ist er mit Leuten aus der bisher regierenden Clique um Kokow umstellt. Gubin, ein Vertrauter des früheren Präsidenten, blieb Ministerpräsident. Eine Wende in der Politik ist daher nicht abzusehen.

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