https://www.faz.net/-gpf-daz

Ratko Mladic vor dem UN-Tribunal : „Habe keine Muslime umgebracht“

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Ratko Mladic lehnt es bei seiner ersten Anhörung vor dem UN-Tribunal in Den Haag ab, auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bezeichnet der frühere bosnisch-serbische General als „abscheulich“.

          Der frühere bosnisch-serbische General Ratko Mladic hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe vor dem UN-Tribunal in Den Haag als „abscheulich“ bezeichnet. Der 69 Jahre alte Mladic lehnte es bei seiner ersten Anhörung vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien am Freitag aber ab, auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren. Zu den elf Anklagepunkten muss er nun bis zum nächsten Gerichtstermin am 4. Juli Stellung nehmen. Mladic werden die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 zur Last gelegt.

          Mladic trug nicht wie angekündigt eine Militäruniform, sondern einen Anzug. „Ich bin General Ratko Mladic“, erklärte der Angeklagte auf Fragen des Richters nach seiner Person. Er sei im Jahr 1943 im Dorf Bozanovic in der Gemeinde Kalinovi im Südosten Bosnien-Herzegowinas geboren. Damit beendete Mladic Spekulationen um sein Geburtsdatum, das teilweise ins Jahr 1942 gelegt worden war.

          „Ich bin ein schwer kranker Mann“, sagte Mladic mit belegter Stimme. Er habe die 37 Seiten lange Anklage zwar erhalten, aber er habe sie „noch nicht gelesen“ (Im Original: Die Anklageschrift des UN-Tribunal in Den Haag)

          Mladic zur Anklageschrift: „Monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe”

          Der Niederländer Alphons Orie wird als Vorsitzender Richter das Verfahren gegen Mladic leiten. Dies war der einstimmige Beschluss des dreiköpfigen Richtergremiums, dem noch der Deutsche Christoph Flügge und der Südafrikaner Bakone Moloto angehören. Orie hatte vor drei Jahren auch die erste Anhörung gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic vor dem Tribunal geleitet. Als Pflichtverteidiger für Mladic wurde Anwalt Aleksandar Aleksic vorgestellt.

          Mladic verfolgte die Verlesung der elf Anklagepunkte ohne jede Regung. Der Vorsitzende Richter Orie führte einzelne Verbrechen wie „Vertreibung und Mord“ an. Er beschrieb von serbischen Verbänden angelegte Massengräber, Deportationen und Zwangslager. Mladic werde sich für „Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Verstoß gegen die Gesetze und Regeln der Kriegsführung“ verantworten müssen. Mladic wird vor allem für das Massaker von Srebrenica mit 8000 Toten und die 44 Monate dauernde Belagerung Sarajevos verantwortlich gemacht.

          „Monströse Worte“

          „Ich muss das gut durchlesen“, sagte Mladic nach Verlesung der Anklage. Es handele sich um „monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe“. Er habe als General sein „Volk und Land verteidigt“. Und: „Ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht.“ Mladic erklärte, er benötige mehr als die eigentlich vorgesehenen 30 Tage zur Vorbereitung seiner Verteidigung. Den Prozessauftakt hatte der Richter zuvor auf den 4. Juli um 10 Uhr festgesetzt. Bezieht Mladic zu den Vorwürfen bis dahin nicht Stellung, wertet das Gericht dies als Plädieren auf nicht schuldig.

          Während die serbische Regierung nichts für die Kosten der Verteidigung von Mladic zahlen will, hat die Regierung der Serbenrepublik in Bosnien-Herzegowina 50.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt, berichteten Medien am Freitag in Banja.

          Mladic-Sohn Darko berichtete, seinem Vater gehe es gut im Tribunalsgefängnis. Er werde im Prozess beweisen, dass er unschuldig sei und nur sein Volk geschützt habe.

          Mladic war nach 16 Jahren auf der Flucht vergangene Woche in Serbien gefasst und wenige Tage später an das Tribunal überstellt worden. Zuvor hatten ihm serbische Gesundheitsexperten Verhandlungsfähigkeit bescheinigt. In den vergangenen Jahren hatte Mladic seinem Anwalt Milos Saljic zufolge aber mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Demnach wurde er 2009 wegen Lymphdrüsenkrebs behandelt. Zudem soll er in der Vergangenheit drei Hirnschläge und zwei Herzinfarkte erlitten haben.

          Dem früheren bosnisch-serbischen Militärführer Ratko Mladic ist vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag in elf Punkten wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs (1992 bis 1995) angeklagt.

          MASSAKER VON SREBRENICA:

          Der Vorwurf des Völkermords wird Mladic vor allem im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica gemacht. Er soll einer der Drahtzieher des schlimmsten Blutbads in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg sein. Im Juli 1995 waren bosnisch-serbische Truppen in die eigentlich von UN-Blauhelmsoldaten bewachte Schutzzone Srebrenica einmarschiert und hatten rund 8000 Muslime - vorwiegend Männer und Jungen - verschleppt und getötet.

          SARAJEVO:

          Im Zusammenhang mit der Belagerung von Sarajevo legen die UN-Ankläger Mladic Vernichtung, Mord, Terror und Angriffe auf Zivilisten zur Last. Die Stadt war von Mai 1992 an 44 Monate lang von seinen Truppen umstellt. Sie sollen dort 10.000 Menschen getötet haben. In einem Dokument der Anklage heißt es dazu: „Es wurden sogar Menschen in ihren eigenen Häusern verletzt und getötet, getroffen von Kugeln, die durch ihre Fenster einschlugen.“

          WEITERE VORWÜRFE:

          Auch in weiteren Orten sollen Mladics Truppen Muslime und Kroaten verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und getötet haben. Dem früheren Armee-Chef wird auch in diesen Verbrechen Völkermord vorgeworfen. Zudem ist er in diesen Fällen darüber hinaus angeklagt wegen Verfolgung, Vernichtung, wegen Mordes, Verschleppung und unmenschlichen Handelns.

          GEISELNAHME VON UN-BLAUHELMEN:

          Im Prozess gegen Mladic soll auch die Geiselnahme von rund 200 UN-Blauhelmsoldaten und Militärbeobachter geahndet werden. Seine Truppen hatten die Blauhelme in Sarajevo und in anderen logistisch wichtigen Orten laut Anklage als menschlichen Schutzschild gegen Angriffe der NATO missbraucht.

          Weitere Themen

          Im Amt, aber nicht an der Macht

          Abstimmung über Theresa May : Im Amt, aber nicht an der Macht

          Das Vertrauensvotum ist für Theresa May kein uneingeschränkter Sieg. Die Abstimmung hat die Spaltung der Konservativen messbar gemacht: Die Kritiker der Premierministerin fühlen sich gestärkt.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          2:1 gegen Lazio Rom : Frankfurt spielt die perfekte Runde

          Die Eintracht holt im sechsten Spiel in der Europa League ihren sechsten Sieg. Die Partei bei Lazio Rom wird jedoch durch Krawalle, Festnahmen und Pyrotechnik überschattet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.