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Ratko Mladic : Das Hauptwerk eines Kriegsverbrechers

„Ein charismatischer Mörder” Bild: Reuters

Wo steckt Ratko Mladic? Berichte über die Festnahme des als Kriegsverbrecher gesuchten Serben wurden dementiert, sie steht aber möglicherweise bevor. Mladic kommandierte die Massenmörder von Srebrenica, die im Juli 1995 fast 8000 muslimische Männer erschossen.

          5 Min.

          Zunächst waren es nur Gerüchte. In Srebrenica sei etwas passiert, hörte man. Es war von Vermißten die Rede, von sehr vielen Vermißten. In den Tagen nach dem 11. Juli 1995 häuften sich die Zeitungsmeldungen mit unbestätigten Nachrichten von einem schrecklichen Verbrechen in Bosnien. Dann drang die Wahrheit ans Tageslicht. Sie war so grell, daß viele zunächst nicht daran glauben wollten - obwohl das, was in dem kleinen Städtchen im Osten Bosniens geschehen war, sich schon 1992, zu Beginn des Krieges mitten in Europa, auch in anderen bosnischen Orten ereignet hatte: Massenmord, systematische Massaker.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Fast 8000 muslimische Männer und Jungen wurden in den Tagen nach der Einnahme der Muslim-Enklave Srebrenica durch die bosnisch-serbischen Truppen am 11. Juli erschossen. Die Massenmörder standen unter dem Befehl eines gedrungenen Mannes aus einem Bergdorf in der Hercegovina. Die Belagerung von Sarajevo war sein Gesellenstück gewesen, in Srebrenica aber schuf Ratko Mladic, der Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben, sein verbrecherisches Hauptwerk.

          Lehrstunde über die Banalität des Bösen

          Es gibt Bilder von den Begleitumständen des Verbrechens: Ein serbischer Kameramann, der Mladics Triumph für die Nachwelt festhielt, hat sie aufgenommen. Der Film ist eine weitere Lehrstunde über die Banalität des Bösen: Er zeigt den General dabei, wie er muslimischen Kindern aus Srebrenica, deren Väter er in wenigen Stunden erschießen lassen wird, Schokolade schenkt und den Müttern gut zuredet.

          „Mladic eingekesselt” schreibt diese Zeitung am 21. Februar 2006

          Mladic war in Srebrenica auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Fernsehaufnahmen von damals lassen vermuten, daß er es genoß, wenn Menschen Todesangst vor ihm hatten. Er schien diese Art von Allmacht zu lieben. „Allah kann euch nicht helfen, aber Mladic“, sagt er an einer Stelle des Films zu einem Vertreter der gefangenen Bosniaken von Srebrenica. Zuvor, unmittelbar nach der Einnahme der Enklave, hatte er in einer der nun menschenleeren Straßen des gespenstisch wirkenden Städtchens dem Kameramann gesagt: „Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Kurz vor einem großen serbischen Festtag übergeben wir dem serbischen Volk diese Stadt.... Die Zeit ist gekommen, an den Muslimen Rache zu nehmen.“

          „Ein charismatischer Mörder“

          Mal Gott, mal kleiner Mann, der nur sein Volk verteidigt und zufällig in die Geschichte eintrat - diese beiden Bilder vermittelte Mladic seiner Umgebung, und es scheint, als habe er an beide geglaubt. Richard Holbrooke, der Bosnien-Vermittler des amerikanischen Präsidenten Clinton, erinnert sich an eine düstere Verhandlung mit den Serbenführern Karadzic und Mladic in Belgrad. Mladic schildert er mit Worten, die überraschend ähnlich auch andere Zeitgenossen fanden, die ihm begegneten: „Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden. Er - es gab keine bessere Bezeichnung dafür - brütete finster vor sich hin und versuchte, jeden einzelnen von uns in ein Blickduell zu verwickeln. Nichtsdestotrotz besaß er eine bezwingende Ausstrahlung, es war nicht schwer zu verstehen, warum seine Soldaten ihn verehrten. Er war...eine dieser furchtbaren Gestalten, die die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder.“

          Als Holbrooke mit ernsthaften Konsequenzen drohte für den Fall, daß der serbische Vertreibungskrieg in Bosnien nicht aufhöre, spielte Mladic diese Rolle des charismatischen Verbrechers offenbar perfekt: Nicht einmal den Vereinigten Staaten werde es gelingen, den Kampfgeist der Serben zu brechen, konterte Mladic Holbrookes Drohungen. Die Serben würden „nicht einen Meter“ ihres „geheiligten“ Bodens aufgeben, warnte Mladic den Amerikaner.

          Clausewitz als Vorbild

          Züge von Größenwahn hatte Mladic schon früher gezeigt: Wenn die Nato Luftangriffe auf serbische Stellungen fliege, werde er London und Washington bombardieren, drohte er einmal. Wenn er seine Vorbilder als Krieger und Strategen nennt (Hannibal, Alexander den Großen, Carl von Clausewitz), darf man getrost annehmen, daß er sich mit ihnen auf gleicher Höhe wähnt. Daß er gegnerische Befehlshaber wie den Niederländer Karremans und sein in Srebrenica stationiertes UN-Schutzbataillon nicht achtete, war deshalb kein Wunder. Karremans, verängstigt und der sinistren Wirkung Mladics erlegen, hat eine unglückliche Figur gemacht bei der Einnahme von Srebrenica.

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