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Ratko Mladić : Für tot Erklärte leben besser

Lebt er noch? Und wenn ja, wo? Ein Bild von Ratko Mladic aus dem Jahr 1994 Bild: AFP

Wegen seiner Untaten im Bosnienkrieg ist Ratko Mladić der meistgesuchte Mann Europas. Seine Familie behauptet, er sei schon lange tot. Sie hat ein handfestes finanzielles Interesse daran, den ehemaligen Serbenführer wenigstens juristisch zu begraben.

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          Ratko Mladić, der meistgesuchte Mann Europas, ist tot. Der ehemalige Militärführer der bosnischen Serben, der wegen seiner Untaten im Bosnienkrieg seit 1995 vor dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen für das ehemalige Jugoslawien angeklagt war, starb schon vor zweieinhalb Jahren, am 1. März 2008.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Noch ist diese Nachricht nicht amtlich, doch wenn es nach Milos Šaljić geht, dem Anwalt der Familie Mladić, wird sie es bald sein. „Tatsache ist, dass Mladić seit sieben Jahren von niemandem gesehen wurde und wir die Überzeugung, er befinde sich irgendwo in Serbien, nicht verstehen können. Er könnte in Russland, Griechenland, Amerika oder Frankreich sein. Warum sollte er sich von Unterschlupf zu Unterschlupf schleppen – und wer könnte ihn angesichts der Großfahndung überhaupt verstecken?“, sagte Šaljić im Mai in einem Interview mit einer serbischen Boulevardzeitung.

          Mitte Juni reichte er dann im Namen von Mladićs Sohn Darko bei einem Belgrader Gericht den Antrag ein, dessen Vater für tot erklären zu lassen. Es gebe viele Gründe für die Vermutung, dass der General, der heute 68 Jahre alt wäre, nicht mehr lebe: Zuletzt sei Mladić im Februar 2003 gesehen worden, seither fehle jede Spur. Auch westlichen Geheimdiensten sei es in all den Jahren nicht gelungen, ihn ausfindig zu machen. Außerdem habe Mladić schon Mitte der neunziger Jahre wegen seines schlechten Gesundheitszustandes immer wieder im Belgrader Militärkrankenhaus behandelt werden müssen. Er habe im Jahr 1996, ein Jahr nach dem Ende des Krieges in Bosnien, einen Schlaganfall erlitten und sei danach nie wieder zu Kräften gekommen, was sich durch die Krankenakte im Belgrader Militärkrankenhaus belegen lasse. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch lebt, ist sehr gering, denn ohne medizinische Versorgung kann er nicht überleben“, sagte der Anwalt.

          Mit weißer Mähne versteckte sich Radovan Karadzic als Dr. Dabic lange Zeit erfolgreich in Belgrad

          „Er ist ein kranker Mann, und er benötigt Geld“

          Diese Darstellung wird wenigstens zum Teil von offiziellen Stellen in Serbien bestätigt. „Er ist ein kranker Mann, und er benötigt Geld. Wenn wir seinen Ärzten und Geldgebern auf die Spur kommen, werden wir auch ihn erwischen“, wurde unlängst ein Mitarbeiter des serbischen Innenministeriums zitiert. Anwalt Šaljić sagte unter Verweis auf die Krankheitsgeschichte des offiziell als „untergetaucht“ geltenden Militärs: „Angesichts der Umstände, unter denen er leben müsste, also in unterirdischen Bunkern, in Höhlen oder in den Bergen, drängt sich die Schlussfolgerung, dass dieser Mensch nicht mehr am Leben ist, geradezu auf.“ Da laut serbischem Gesetz eine seit mindestens fünf Jahren vermisste Person für tot erklärt werden kann, schlug Šaljić vor, den 1. März 2008 gerichtlich als Todestag Mladićs festzulegen.

          Wer sich an den Fall des im Juli 2008 verhafteten ehemaligen bosnischen Serbenführers Radovan Karadžić erinnert, wird aber zumindest Zweifel an der Darstellung von Mladićs Anwalt haben. Jahrelang waren die abenteuerlichsten Gerüchte über Karadžićs Aufenthaltsort im Umlauf: Er lebe in einem orthodoxen Kloster, halte sich in einem Höhlensystem in den Schluchten Bosniens versteckt, sei nach Sibirien geflüchtet, wurde kolportiert. In Wahrheit lebte Karadžić, vom serbischen Geheimdienst mit neuen Ausweisen versorgt, mit Hippiemähne und weißem Rauschebart jahrelang unter dem Namen „Dr. Dragan Dabić als angeblicher Fachmann für Naturheilkunde in einem Belgrader Hochhausviertel.

          Er sei nicht in der Lage, sich zu verstellen

          Was spricht also dagegen, dass Mladić ebenfalls eine neue Identität angenommen hat und seither unbehelligt irgendwo in Serbien lebt – zum Beispiel als serbischer Flüchtling aus Bosnien, der mit einiger Glaubwürdigkeit behaupten kann, im Krieg alle Dokumente verloren zu haben? Dagegen spricht alles, behauptet Mladićs Anwalt. Laut seiner Darstellung ist der Massenmörder nämlich ein Mann von grundehrlichem Wesen. Jemand wie Mladić könne nicht einfach eine neue Identität annehmen, da er anders als Karadžić nicht in der Lage sei, sich zu verstellen. Deshalb sei die Familie auch zu der Überzeugung gelangt, dass Mladić tot sei.

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