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Syrien : Erdogan will gemeinsam mit den Amerikanern den IS vertreiben

Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheit YPG zeigen das Victory-Zeichen im Nordosten Syriens, nahe der Stadt Raqqa Bild: AP

Nach dem türkischen Feldzug im Norden Syriens rückt nun auch Raqqa ins Interesse Ankaras. Erdogan will gemeinsam mit den Amerikanern den „Islamischen Staat“ aus dessen Hochburg vertreiben – und beweisen, dass die Türken bessere Partner als die Kurden sind.

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          Die Stadt Raqqa, der Hauptort des von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) kontrollierten Territoriums in Syrien, rückt immer stärker in den Mittelpunkt des türkischen militärischen Interesses. Damit könnte auch der Mitte August begonnene türkische Feldzug im Norden Syriens eine neue Stoßrichtung bekommen. Bestätigt wurde das durch am Mittwoch in türkischen Medien verbreitete Äußerungen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

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          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Demnach hatte Erdogan bereits am Dienstag, auf dem Rückflug vom G-20-Gipfel in China, mitreisenden Journalisten von einem Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama über ein mögliches gemeinsames türkisch-amerikanisches Vorgehen zur Vertreibung des IS aus Raqqa berichtet. Laut Erdogans Darstellung kam der Vorschlag dazu von Obama. Der habe gesagt, er wolle (gegen den IS in Raqqa) „etwas unternehmen“, und Erdogan habe sich im Namen seines Landes zu einer Kooperation bereiterklärt: „Wir haben erklärt, dass es aus unserer Sicht keine Probleme geben wird.“

          Er habe vorgeschlagen, dass Militärs aus beiden Ländern sich treffen sollten, „und dann wird getan, was nötig ist“, wurde Erdogan in mehreren Berichten zitiert. Der türkische Präsident deutete demnach auch an, dass die Türkei, die eine direkte Intervention in Syrien lange vermieden hatte, sich auf ein langfristiges Engagement dort einrichtet. „Wir müssen in der Region Präsenz zeigen“, sagte Erdogan. Andernfalls würden sich der IS sowie kurdische Terrorgruppen dort festsetzen.

          Auch wenn Erdogan ein mögliches gemeinsames Vorrücken auf Raqqa als eine von Washington ausgehende Initiative darstellt, ist die türkische Kooperationsbereitschaft nicht überraschend. In früheren amerikanischen Planspielen sollten schließlich kurdische Freischärler von den „Volksschutzeinheiten“ eine wichtige Rolle bei der Eroberung von Raqqa spielen - und das wäre für die Regierung in Ankara ein Albtraum gewesen. Denn die „Volksschutzeinheiten“ gelten in der Türkei als Ableger der türkisch-kurdischen Terrororganisation PKK. Erst der Erfolg der kurdischen Kämpfer als Bodentruppe der Amerikaner im Kampf gegen den IS rief die Türkei in Syrien auf den Plan. Als der IS an der Grenze zur Türkei ein Gebiet nach dem anderen eroberte, hatte die Türkei hingegen stillgehalten. Erst als die Kurden immer erfolgreicher agierten, schickte Ankara schließlich Panzer und Soldaten über die Grenze.

          Den potentiell prestigeträchtigen Erfolg einer Rückeroberung Raqqas will man den Kurden keineswegs gönnen. Daher, so eine Lesart in Ankara, biete man den Amerikanern nun die eigene Kooperation an. Damit würde sich die Türkei, die zunächst das unmittelbare Grenzgebiet als Operationsziel definiert hatte, allerdings geographisch tiefer in das syrische Kampfgeschehen begeben als alle andere Mitgliedstaaten der Nato.

          Einen Preis hat die Türkei dafür bereits zahlen müssen. An dem Tag, als der türkische Präsident sich auf dem Rückweg aus China befand, hatte das Land die ersten vier durch den IS in Syrien gefallenen Soldaten zu beklagen. Laut einer Mitteilung des Generalstabs der türkischen Armee fielen drei „Märtyrer“ in einem Gefecht gegen Kämpfer des IS. Vier weitere Soldaten seien verwundet und sofort in die türkische Grenzstadt Gaziantep ausgeflogen worden. Dort sei einer der Verwundeten seinen Verletzungen erlegen. Der IS reklamierte den Überfall auf die Soldaten für sich. Meldungen von Soldaten, die als „Märtyrer“ gefallen seien, kannten die Türken bisher nur aus Südostanatolien. Dort kommen regelmäßig Soldaten im Kampf gegen die PKK ums Leben. Nun wird sich die türkische Öffentlichkeit womöglich an ähnliche Meldungen aus Syrien gewöhnen müssen.

          Noch keine Pufferzone für Flüchtlinge in Nord-Syrien

          Am Mittwoch berichtete die von der türkischen Regierungspartei AKP kontrollierte Nachrichtenagentur Anadolu unterdessen wieder über neue und verlustfreie militärische Erfolge. Demnach sei der IS aus sechs weiteren Dörfern im Norden durch Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“, dem Juniorpartner der türkischen Streitkräfte in Syrien, vertrieben worden. Durch die türkische Militäroperation „Schutzschild Euphrat“ sei der IS nunmehr gänzlich aus dem nordsyrischen Grenzstreifen zur Türkei vertrieben worden. Die „Freie Syrische Armee“ werde bei ihrem Kampf durch Waffen, Artillerie, Sondereinheiten und Kampfflieger der türkischen Streitkräfte unterstützt.

          Nicht durchsetzen kann sich die Türkei dagegen bisher mit ihrer alten Idee einer Pufferzone im Norden Syriens zur Ansiedlung von Flüchtlingen. Skepsis gibt es von verschiedenen Seiten. Militärfachleute fragen, wer eine solche Zone auf Dauer wie verteidigen solle, Migrationsforscher bezweifeln, dass sich in den Retortenstädten, welche die Türkei in solchen Zonen aus dem Boden stampfen will, wirtschaftliche Perspektiven schaffen lassen, die Menschen zum Bleiben bewegen. Türkische Medien berichteten am Mittwoch zudem, dass das türkische Konzept einer Flugverbotszone im Norden Syriens in Washington weiterhin nicht unterstützt werde. Eine Flugverbotszone löse die grundsätzlichen Probleme am Boden nicht, weil dort weiterhin gekämpft werde, zitierte die auf Regierungslinie berichtende Zeitung „Sabah“ einen Berater des amerikanischen Präsidenten Obama.

          Zuvor hatte Erdogan auf dem G-20-Gipfel die seit Jahren vorgebrachte türkische Forderung nach einer Flugverbotszone und einer Schutzzone für Flüchtlinge in Syrien wiederholt. Laut Erdogan hat sich die Zahl von Syrern, die in der Türkei Asyl beantragen, seit Beginn der türkischen Militäroperationen in Syrien deutlich verringert. Die Menschen im Norden Syriens seien nun selbstbewusster, so Erdogan, der als möglichen Ort für eine Sicherheitszone das Gebiet südwestlich der türkischen Grenzprovinz Hatay nannte.

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