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Ramsan Kadyrow : Russische Spur

Tschetscheniens Präsident: Ramsan Kadyrow Bild: AFP

Die Ermittler im Mordfall Nemzow haben eine Spur in den Kaukasus gefunden. Eine Verstrickung des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow scheint nicht abwegig.

          Dass die russischen Ermittler im Mord an Boris Nemzow so schnell eine Spur in den Kaukasus gefunden haben, überrascht nicht. Interessant ist, wohin sie führt: direkt in die Führung einer Einheit der tschetschenischen Sicherheitskräfte, die einst als Leibgarde des dortigen Präsidenten Ramsan Kadyrow gegründet worden ist. Eine solche Verstrickung klingt insofern plausibel, als man Kadyrow und seinen Leuten angesichts ihrer Geschichte jedes Verbrechen zutraut.

          Nemzow wäre nicht der erste Gegner des tschetschenischen Präsidenten, der in Moskau gewaltsam zu Tode kam. Auf dieser Liste stehen neben der Journalistin Anna Politkowskaja, die Greuel an der tschetschenischen Zivilbevölkerung angeprangerte, auch vermeintliche oder tatsächliche Konkurrenten Kadyrows um die Macht in Tschetschenien, die in der russischen Hauptstadt auf der Straße erschossen wurden.

          Geringe Aufklärungsquote bei politisch motivierten Morden

          Über die politischen Hintergründe eines solchen Ermittlungserfolgs kann man - unabhängig davon, ob er echt ist oder nicht - wilde Spekulationen anstellen: Soll der immer eigenmächtiger agierende Kadyrow, in dessen Herrschaftsgebiet russische Gesetze seit langem nur noch eingeschränkt gelten, in die Schranken gewiesen werden? Und wenn ja, wer steht dahinter: Geheimdienstler, Nationalisten in der russischen Führung oder gar der Kreml selbst?

          Oder soll die tschetschenische Spur von einer anderen - etwa zu russischen Rechtsextremisten - ablenken? Und wie ist es zu verstehen, dass die Ermittler einerseits als Hauptverdächtigen einen Gefolgsmann jenes Kadyrows präsentieren, der sich stets lautstark gegen äußere Einmischung in Russland wendet, andererseits aber weiter „aktiv“ nach einem ausländischen Hintergrund der Tat suchen?

          Die geringe Aufklärungsquote bei offensichtlich politisch motivierten Verbrechen und die Verbreitung von allerlei nie belegten Verschwörungstheorien über deren Hintermänner durch Ermittler haben in Russland schon vor Putin ein Klima entstehen lassen, in dem kaum jemand in solchen Fällen an ehrliche Ermittlungen glaubt. Putin ist einst angetreten mit dem Versprechen, dem Gesetz in Russland nach den wilden neunziger Jahren wieder zur Geltung zu verhelfen. Wohin er Russland wirklich gebracht hat, zeigt der Mord an Nemzow: Es gibt keine Instanz mehr, der man bei der Aufklärung des Verbrechens vertrauen würde.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

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