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Nordkoreas Raketenprogramm : „Wir wissen noch gar nicht, was da flog“

Menschen in Südkoreas Hauptstadt Seoul verfolgen die Berichterstattung über Nordkoreas jüngsten Raketentest. Bild: Reuters

Hat Nordkorea wirklich ein neues Raketen-Modell getestet? Im FAZ.NET-Gespräch erklärt Raketentechniker Markus Schiller, warum er daran zweifelt – und warum Kim Jong-un sein Ziel trotzdem erreichen könnte.

          Am Mittwoch hat Nordkorea abermals eine Interkontinentalrakete getestet und sich im Anschluss zur Atommacht erklärt. Wie beurteilen Sie als Raketentechniker den jüngsten Test? Hat Nordkoreas Raketenprogramm damit wirklich ein neues Niveau erreicht?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Es ist auf jeden Fall interessant, wie hoch dieses Gerät geflogen ist. Was wir bis jetzt aber noch gar nicht wissen, ist, was da genau flog. Handelt es sich um eine neue Rakete vom Typ Hwasong-15 oder war es eine, die wir schon im Juli gesehen haben? Nordkorea hat bisher eigentlich immer das gezeigt, was es zuvor angekündigt hatte. Ob das auch dieses Mal gilt, können wir aber erst beurteilen, wenn wir Fotos haben.

          Nordkorea könnte also einfach eine alte Rakete „recycelt“ haben?

          Ich glaube gerne, dass die jetzt getestete Rakete so hoch geflogen ist, wie Pjöngjang behauptet. Aber es könnte sein, dass Nordkorea dafür einfach die Hwasong-14 leergeräumt hat. Ein leerer Bus kann auch besser beschleunigen als ein voller. Wenn vorne in der Raketennase nichts drin ist, ist es keine große Kunst, mit der Hwasong-14 eine Distanz von 10.000 Kilometern zu überwinden.

          Und wenn Pjöngjang tatsächlich eine Hwasong-15 entwickelt hat?

          Dann stellt sich die Frage, wie viel sie mit dem Vorgängermodell Hwasong-14 gemeinsam hat – und wie Nordkorea es so schnell schaffen konnte, einen neuen Raketentyp zu entwickeln. Kein Land der Welt kann so schnell solche Fortschritte machen. Das sind Entwicklungsschritte, für die andere Jahre brauchen.

          Der Münchner Raketentechniker Markus Schiller

          Fortschritte, die durch Technologie aus der ehemaligen Sowjetunion möglich sind?

          Das halte ich für eine sehr plausible Erklärung. Sie passt zu dem, was wir bei den Raketenstarts an Technik sehen. Und sie passt auch zu der uneinheitlichen Entwicklungslinie des Raketenprogramms. Es gibt offenbar keine einheitliche Idee dahinter, mal beobachten wir bei den Raketen Fortschritte, mal Rückschritte.

          Aber der Handel mit Nordkorea unterliegt doch strengen internationalen Beschränkungen. Wie kommt das Material in das Land?

          Das ist wie mit dem Drogenhandel. Je härter er bekämpft wird, desto höher werden die Preise – mehr aber auch nicht. Wir sehen einige Technologie aus den beiden Ländern, die im Norden eine Grenze mit Nordkorea haben – Russland und China. Ob das Material mit Wissen der jeweiligen Regierungen weitergegeben wird, kann ich nicht beurteilen.

          Eine neue Rakete ist das eine. Kann Nordkorea die auch mit einen atomaren Sprengkopf bestücken?

          In Kombination mit einer Rakete mit hoher Reichweite würde ein atomarer Sprengkopf schon Sinn machen. Einfach, weil es über so großer Distanzen extrem schwer ist, Ziele genau zu treffen. Da haben ja auch die Vereinigten Staaten und Russland ihre Schwierigkeiten gehabt – und Nordkorea ist da sicher noch einige Entwicklungsschritte hinterher. Es ist schon schwierig genug, eine so komplexe Waffe unter Laborbedingungen zum Laufen zu bringen. Als Nutzlast einer Rakete müsste ein atomarer Sprengkopf aber extreme Bedingungen aushalten, vor allem beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. Dass Nordkorea schon so weit ist, halte ich für unwahrscheinlich.

          Die Gefahr für die Vereinigten Staaten ist mit dem neuen Test also nicht größer geworden?

          Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beurteilen. Das ist allerdings auch zweitrangig. Wenn es wirklich zu einem Krieg kommen sollte, würde ihn Kim Jong-un sowieso verlieren – und das weiß er auch. Es geht ihm darum, von der internationalen Politik als gefährlich wahrgenommen zu werden und zu zeigen, wie viele Möglichkeiten dem Land zur Verfügung stehen.

          Wie ordnen sie in diesem Zusammenhang die Erklärung Nordkoreas zum Raketentest ein? Das Atomprogramm sei abgeschlossen, heißt es darin.

          Diese Erklärung passt sehr gut zu Nordkoreas übergeordnetem Ziel: Abschreckung. Wenn der Rest der Welt Kim Jong-un glaubt, dass er die Vereinigten Staaten mit einem Knopfdruck zerstören kann, hat er sein Ziel erreicht – und muss keine weiteren Ressourcen in das Raketenprogramm investieren.

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