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Raketen auf Israel : Ohne Hoffnung in Nahost

Ein bildliches Synonym für die Lage in Nahost: Eine Palästinenserin trauert um ihre Verwandten, die bei einem israelischen Luftangriff ums Leben kamen Bild: AP

In Israel spricht man nur von einer Militäroperation. In Wirklichkeit herrscht Krieg. Selten war die Lage im Nahen Osten so bedrohlich und so hoffnungslos wie in diesen Tagen.

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          Die Konfrontation ist außer Kontrolle geraten, obwohl der Höhepunkt wohl noch gar nicht erreicht ist. In Israel spricht man nur von einer Militäroperation: In Wirklichkeit herrscht Krieg mit der Hamas und ihren Verbündeten in Gaza. Die bewaffneten Islamisten werden ihn auch dieses Mal nicht gewinnen. Aber schon vor Beginn der jüngsten Runde der Gewalt zeigte sich, wie sehr die stärkste Militärmacht im Nahen Osten verwundbar ist - und es auch bleiben wird, wenn die Waffen wieder schweigen.

          Tagelang zögerte die israelische Regierung damit, die zunehmenden Raketenangriffe aus Gaza massiv zu vergelten. Das deuteten Hamas und Islamischer Dschihad als Schwäche und verstärkten ihre Aggression. Nach der Ermordung von drei Religionsstudenten und einem jungen Palästinenser hatte die israelische Regierung damit zu kämpfen, die Lage im eigenen Land und im Westjordanland im Griff zu behalten. Die Konfrontation in Gaza hat diesen Konflikt in den Hintergrund gedrängt. Er weitete sich bisher nicht zum Flächenbrand aus, schwelt aber gefährlich weiter.

          Klar ist schon heute, dass sich die massive Militär- und Polizeigewalt, auf die man sich in Israel in Krisenzeiten traditionell verlässt, als untaugliches Schwert erweist. Mehreren tausend Soldaten gelang es im Westjordanland nicht, die Mörder der Religionsstudenten zu finden. Hunderte Polizisten tun sich schwer, die Wut arabischer Demonstranten einzudämmen. Gleichzeitig schwindet der Einfluss des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Er ist so unbeliebt wie selten zuvor - nicht zuletzt, weil seine Sicherheitskräfte weiter mit Israel zusammenarbeiten.

          Eine militärische Offensive wird nicht viel bringen

          Angesichts des Raketenhagels aus Gaza blieb der israelischen Regierung nichts anderes übrig als militärisch zu reagieren. Aber die „Schutzlinie“, wie die Militäroperation offiziell heißt, um ihren defensiven Charakter zu betonen, erweist sich als bedenklich löchrig: Die Hamas hat ihre Drohung wahrgemacht und zum ersten Mal Ziele nördlich von Tel Aviv angegriffen.

          Palästinensische Rakentenangriffe und Israelische Luftangriffe
          Palästinensische Rakentenangriffe und Israelische Luftangriffe : Bild: dpa

          Je weiter mögliche Ziele über das ganze Land verstreut liegen, desto schwieriger wird es für das israelische Abwehrsystem, die Raketen rechtzeitig zu stoppen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten getöteten Zivilisten zu beklagen sind. Spätestens dann wird die Regierung den Forderungen nach einem Einmarsch in Gaza nicht mehr widerstehen können. Eine Offensive mit Panzern und Soldaten wird jedoch nicht viel bringen - außer es fällt die Entscheidung, bis zum bitteren Ende zu gehen, die Hamas zu vertreiben und den Gazastreifen wieder zu besetzen. Zum letzten Mal waren dort israelische Truppen Anfang 2009 einmarschiert und knapp drei Wochen geblieben. Weder diese Aktion noch die Militäroperation 2012 konnten verhindern, dass Hamas und die anderen Gruppen ihre Arsenale auffüllten und modernisierten. Vor einem Enthauptungsschlag der Hamas schreckt Israel weiterhin zurück: Das folgende Chaos könnte in Gaza viel radikaleren Dschihadisten zum Aufstieg verhelfen.

          Doch die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Aus dem Ausland kamen hilflose Appelle. Ein tatkräftiger und auf beiden Seiten akzeptierter Vermittler fehlt. Anders als vor eineinhalb Jahren sind die bisherigen ägyptischen Bemühungen höchstens halbherzig. Das Militärregime in Kairo will die Hamas nicht aufwerten und würde die palästinensischen Islamisten ähnlich am Boden sehen wie die Muslimbrüder in Ägypten. Selten war die Lage im Nahen Osten so bedrohlich und so hoffnungslos wie in diesen Tagen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

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