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Rätselhafter Tod eines Staatsanwalts : Die Spur nach Qom

Nach einem im September 2004 mit dem Freispruch aller 22 argentinischen Angeklagten spektakulär gescheiterten ersten Versuch der Behörden, den Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum von 1994 aufzuklären, wurde Nisman Anfang 2005 der Fall vom damaligen argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner übergeben. Um den blutigsten antisemitischen Anschlag außerhalb Israels seit dem Zweiten Weltkrieg aufzuklären, verfolgte Nisman sogleich die Spuren in die iranische Botschaft in Buenos Aires und zur libanesischen Hizbullah, die von Teheran unterstützt wird.

Welche Rolle hatte Mohsen Rabbani?

2006 erreichte Nisman, dass Haftbefehl gegen sieben ranghohe Funktionäre des iranischen Regimes erlassen wurde und die Verdächtigen - unter ihnen der frühere Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani und der einstige Außenminister Ahmad Wahidi - von Interpol auf die „rote Liste“ der international meistgesuchten Verdächtigen gesetzt wurden. Als maßgeblichen Drahtzieher des Anschlags nannte Nisman Mohsen Rabbani, den damaligen Kulturattaché an der iranischen Botschaft in Buenos Aires.

Rabbani nimmt in Nismans Berichten von 2013 und 2015 jeweils eine prominente Stellung ein. Rabbani ist heute Leiter eines Ausbildungszentrums in Qom, dem Zentrum schiitischer Theologie in Iran, das sich mit spanischsprachigen Kursen gezielt an muslimische Konvertiten aus Lateinamerika wendet; diese werden auf Kosten Teherans aus ihren Heimatländern nach Iran geflogen und für ihre Studien in Qom mit einem Vollstipendium ausgestattet. Teheran bestreitet energisch die Verwicklung Rabbanis und aller anderen iranischen Angeklagten in den Anschlag von Buenos Aires.

Und Rabbanis Zentrum in Qom, das auf Englisch „Oriental Thought Cultural Institute“ heißt, dient nach offizieller Darstellung Teherans einzig zur Vermittlung der schiitisch-islamischen Glaubenslehre. Nisman war überzeugt, dass dort potentielle Schläfer für den (terroristischen) Kampf in Lateinamerika gegen Israel sowie dessen wichtigsten Verbündeten, die Vereinigten Staaten, ausgebildet wurden. Tatsache ist, dass Iran zur Erweiterung seines Einflusses in Lateinamerika seit 2005 in sechs weiteren Staaten Südamerikas neue Botschaften eingerichtet hat; die Islamische Republik unterhält jetzt in elf Ländern der Region Botschaften. Außerdem wurden 17 Kulturzentren in Lateinamerika geschaffen.

Im Auftrag der Hizbullah?

Neben Rabbani nehmen aus Libanon und aus Syrien stammende Schiiten im Dreiländereck von Paraguay, Argentinien und Brasilien eine prominente Stellung in Nismans Bericht von 2013 ein. Von der Stadt Ciudad del Este in Paraguay, verbunden durch die „Brücke der Freundschaft“ über den Grenzfluss Paraná mit Brasilien, sind nach Überzeugung Nismans und internationaler Terrorfachleute viele Millionen Dollar aus dem Drogenschmuggel zur Hizbullah in den Libanon geflossen. Und aus der Schmuggelmetropole Ciudad del Este reiste nach Überzeugung Nismans wenige Tage vor dem Anschlag vom 18. Juli 1994 auch der libanesische Selbstmordattentäter nach Buenos Aires - im Auftrag der Hizbullah und angeleitet vom damaligen Kulturattaché Rabbani.

Im „Fortsetzungsbericht“ vom Januar 2015 bezichtigt Nisman Präsidentin Kirchner und deren Außenminister Héctor Timerman nun, mit einem seit 2011 mit Teheran verfolgten Geheimabkommen die Strafverfolgung der mutmaßlichen iranischen Hintermänner des Anschlages hintertrieben zu haben. Hintergrund seien wirtschaftliche Interessen gewesen. Kirchner weist die Vorwürfe Nismans als absurd zurück und sieht hinter ihnen - wie auch bei der mutmaßlichen Ermordung des Staatsanwalts vom 18. Januar - ehemalige Führungsfiguren des argentinischen Geheimdienstes am Werk. Die Behauptung ist nicht mehr und nicht weniger plausibel als die Hypothese, dass zur Aufklärung einer weiteren Bluttat in Buenos Aires mit einem jüdischen Opfer abermals eine iranische Spur verfolgt werden müsse.

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