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Radovan Karadzic : Eine unvollständige Geschichte

Unterstüztung für ihren Helden: Belgrad am 29. Juli 2008 Bild: AP

Vor einem Jahr wurde Radovan Karadzic in Belgrad verhaftet. Aber wo war er all die Jahre zuvor? Was wusste der spätere serbische Regierungschef Kostunica von seinen Aufenthaltsorten, was die Nato, was die orthodoxe Kirche?

          Als er noch in Freiheit lebte, gingen abenteuerliche Geschichten über seine geheimen Verstecke um. Mehr als 13 Jahre lang gelang es Radovan Karadzic, dem 1995 vom UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Kriegsverbrechen angeklagten ehemaligen bosnischen Serbenführer, sich seinen Richtern zu entziehen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Erst vor einem Jahr wurde der Ingenieur der „ethnischen Säuberungen“ des Krieges in und gegen Bosnien (1992-1995) in Belgrad verhaftet. Unter den Namen „Dr. Dabic“, mit wucherndem Vollbart und langer weißer Haarpracht, war er als Heilpraktiker und Fachmann für alternative Medizin aufgetreten, hatte Artikel für Gesundheitsjournale geschrieben und gelegentlich sogar Vorträge gehalten - während sich Journalisten, Politiker oder Fahnder des Tribunals immer wieder vergeblich die Frage stellten, wo er wohl sei.

          Die Legenden ranken weiter

          Auf die Idee, dass der Gesuchte mitten in der serbischen Hauptstadt lebe, im Plattenbauviertel Neu-Belgrad, kam niemand. Nach seiner Verhaftung stellte sich bald aber immer dringlicher eine andere Frage, die bis heute unbeantwortet geblieben ist - wo war Karadzic?

          Vor Gericht: Karadzic im August 2008 im Haag

          Die Antwort ist keinesfalls nur für Historiker interessant, denn sie kann viel darüber verraten, wer an welchen Strippen zieht und zog in Serbien. Zumindest indirekt kann sie damit auch bei der Suche nach dem einstigen General Ratko Mladic hilfreich sein, dem letzten noch flüchtigen „großen“ Kriegsverbrecher des Balkans.

          Einstweilen sind jedoch die meisten Fragen zu den Details von Karadzics jahrelanger Dauerflucht noch unbeantwortet, nur die Legenden ranken weiter.

          Die Ruhe hat sich ausgezahlt

          Das beginnt schon bei dem Zeitpunkt der Festnahme, als deren offizielles Datum der 21. Juli 2008 gilt. Zumindest gab die serbische Regierung am späten Abend dieses Tages die Verhaftung bekannt, was dann von den großen Nachrichtensendern in aller Welt umgehend als Sensation verbreitet wurde.

          Tatsächlich wurde Karadzic allerdings schon einige Tage zuvor verhaftet. Die Regierung wartete jedoch mit der Bekanntgabe dieser Nachricht, bis sich das serbische Parlament in die Sommerpause verabschiedet hatte, da der nationalistischen Opposition die Möglichkeit genommen werden sollte, die Volksvertretung als Bühne für chauvinistisches Krakeele zu missbrauchen und so womöglich gar das Volk zu Protesten auf die Straßen zu bringen.

          Die Vorsicht hat sich ausgezahlt: In Serbien blieb es nach dem Zugriff ruhig. Über andere Einzelheiten der Verhaftung Karadzics, und vor allem seines jahrelangen Untergrunddaseins (sofern es eines war), drang hingegen kaum etwas an die Öffentlichkeit.

          Was wusste die orthodoxe Kirche

          So bleiben viele Fragen offen: Wusste die serbische orthodoxe Kirche etwas von seinen Aufenthaltsorten? Wenn ja, welche Bischöfe waren informiert? Hat Karadzic zwischenzeitlich, wie oft behauptet, gar in orthodoxen Klöstern Unterschlupf gefunden? Was wusste Milosevics Nachfolger im Amt des Präsidenten Jugoslawiens, der spätere serbische Regierungschef Vojislav Kostunica , von den Aufenthaltsorten Karadzics?

          Immerhin kam es nur kurze Zeit nach Kostunicas Abwahl und Machtverlust in Belgrad zu der Verhaftung des einstigen bosnischen Oberserben. Hätte die Festnahme demnach schon vorher stattfinden können, wurde aber von Kostunica aus politischen Gründen verhindert? Wie lange war Karadzic schon Dr. Dabic, als er verhaftet wurde?

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