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Rabbiner kritisiert Corbyn : Für höchstes Regierungsamt „nicht geeignet“

Der Chefrabbiner der Vereinigten jüdischen Gemeinden im Commonwealth am 24. März 2017 in London. Bild: EPA

Der oberste Rabbiner Großbritanniens wirft dem Labour-Vorsitzenden vor, zu wenig gegen den Antisemitismus in seiner Partei zu tun – und erhält viel Zuspruch.

          2 Min.

          Seit Jeremy Corbyn die Labour Party führt, verfolgt ihn der Vorwurf, dem Antisemitismus in seiner Partei zu wenig entgegenzutreten, wenn nicht Vorschub zu leisten; selbst die britische Menschenrechtskommission ermittelt. Jetzt hat sich der oberste Rabbiner im Vereinigten Königreich, Ephraim Mirvis, zu Wort gemeldet und kaum verhüllt dazu aufgerufen, bei den Wahlen am 12. Dezember nicht für die Labour Party zu stimmen. In einem scharf formulierten Artikel für die „Times“ schrieb er, Corbyn sei „nicht geeignet“ für das höchste Regierungsamt. Er empfahl, das „Gewissen“ entscheiden zu lassen, und warnte davor, dass es in den Wahlen um die „Seele unserer Nation“ gehe.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Für die Labour Party kommt die Intervention mitten im Wahlkampf ungelegen. Es ist ihr bisher nicht gelungen, den Abstand zu den Tories zu verringern; in Umfragen liegt sie etwa zehn Prozentpunkte zurück. Corbyn reagierte am Dienstag zurückhaltend und verteidigte sich, ohne den Rabbiner zu erwähnen. Bei einer Wahlveranstaltung bezeichnete er Antisemitismus als „widerwärtig und falsch“. Er habe „keinen Platz im modernen Britannien“ und werde von einer Labour-Regierung in keiner Form toleriert werden. Zuvor hatte sein Sprecher bestritten, dass die Partei noch immer 130 Fälle ergebnislos untersuche.

          „Von der Spitze genehmigt“

          Die Zahl hatte der Rabbiner mit Verweis auf das „Jewish Labour Movement“ genannt. Laut der parteiinternen Organisation seien darüber hinaus „Tausende weitere Fälle“ gemeldet worden, die noch nicht einmal bearbeitet würden. Der Rabbiner leitet daraus ab, dass Corbyns Versicherung, den antisemitischen Vorfällen in seinen Reihen „robust“ nachzugehen, eine „lügnerische Fiktion“ sei. Er warf Corbyn vor, „jene, die zum Hass gegen Juden anstacheln und ihre Ermordung begrüßen“, als „Freunde“ bezeichnet zu haben. Der Antisemitismus habe sich als „Gift“ in der Labour Party ausgebreitet und werde „von der Spitze genehmigt“, schrieb der Rabbiner.

          Die Intervention stößt auch jenseits religiöser jüdischer Kreise auf Zustimmung. „Der Rabbiner ist eine hochrespektierte Persönlichkeit und hat sich diesen beispiellosen Vorstoß sicherlich sorgfältig überlegt“, sagt Raymond Simonson, Leiter des jüdischen Kulturinstituts in London. Im Gespräch mit dieser Zeitung betonte Simonson, dass die jüdische Gemeinschaft in London politisch und sozial sehr vielschichtig sei. Aber nur wenige hätten noch Verständnis für Corbyn. Insgesamt habe sich der Eindruck verfestigt: „Entweder ist Corbyn antisemitisch, oder er tut nicht genug dagegen.“ Es verhalte sich wie beim Brexit: „Wir wissen nicht, auf welcher Seite er steht.“

          Unterstützung  von den Anglikanern

          Auch Simonson beklagt eine atmosphärische Veränderung unter den Juden im Königreich. „Wir fühlen uns wieder wie 'die Anderen' – das kennen die Generationen vor uns, aber meine Generation erlebt das zum ersten Mal.“ In seinem Institut sei spürbar, dass die Gespräche unter britischen Juden „wieder an Breite verlieren und sich auf das Thema Antisemitismus verengen“. Zugleich erlebt Simonson, dass sich die Juden stärker als früher im Wahlkampf engagierten.

          Das jüdische Kulturinstitut „JW3“ steht im Nordlondoner Wahlkreis Finchley and Golders Green, in dem der jüdische Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich hoch ist. Hier spielt sich ein besonderer Wahlkampf ab. Der Abgeordnete der Tories, Mike Freer, fürchtet weniger den Kandidaten der Labour Party als die Liberaldemokratin Luciana Berger, die im Februar aus Protest gegen den „institutionalisierten Antisemitismus“ aus der Labour Party ausgetreten war.

          Unterstützung erhielt der Rabbiner am Dienstag auch vom Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Erzbischof Justin Welby. Der Brief des Rabbiners „sollte uns ins Bewusstsein bringen, wie tief die Unsicherheit und die Angst sitzen, die viele britische Juden fühlen“, sagte er. Teilweise in Schutz genommen wurde der Labour-Chef vom angesehenen Lord Alf Dubs, der 1939 mit dem „Kindertransport“ nach Großbritannien kam. Vieles, was zu Beginn von Corbyns Amtszeit passiert sei, hätte verhindert werden müssen, sagte der Labour-Politiker. Aber er betrachte Corbyn nicht als Antisemiten, und die Partei habe sich inzwischen „nach vorne bewegt“.

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