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Qatar in der Krise : Eigensinniges Emirat

Alltägliche Solidarisierung: Portät von Emir Tamim auf einem Basar in Doha Bild: AP

Vor einem Jahr hat die Blockade Qatars begonnen. Qatar zeigt aber große Widerstandskraft und verweigert einen Kniefall. Der Ministerpräsident glaubt sogar, das Land sei „stärker denn je“.

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          Qatar soll eine Insel werden. Damit wurde zumindest unlängst in der staatstreuen saudischen Presse gedroht: Es hieß, man wolle einen Kanal anlegen, der die Halbinsel des kleinen Emirats auch physisch von den Nachbarn abtrennt. Solche Drohgebärden mögen den Wunsch Saudi-Arabiens und die Vereinten Arabischen Emirate widerspiegeln, Qatar solle in der Zukunft eine abgeschottete Insel der Unglückseligen sein. Es wurde sogar das Gerücht in die Welt gesetzt, seine Widersacher erwögen, an ihren Grenzen zu Qatar Atommülldeponien zu errichten. Die französische Zeitung „Le Monde“ berichtete am Wochenende von einem Brief des saudischen Monarchen Salman bin Abdulaziz Al Saud an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, in dem Riad die Regierung in Paris auffordert, zu verhindern, dass Qatar Luftabwehrsysteme aus russischer Produktion erwirbt. Andernfalls müsse man sogar einen Militärschlag in Erwägung ziehen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Doch jenseits solch schriller Töne bewegt sich kaum etwas in der Qatar-Krise, die an diesem Dienstag genau vor einem Jahr begonnen hat. Diplomaten in Qatars Hauptstadt Doha sprechen von einem „eingefrorenen Konflikt“ oder einer „Normalisierung der Krise“. Derzeit macht keine der Konfliktparteien Anstalten, die Krise zu verschärfen. Aber es scheint auch niemand ernsthaft nach einem Ausweg zu suchen. Die Vereinigten Staaten, die in dem Konflikt vermitteln, haben ein für Mai geplantes Gipfeltreffen mit Führern der arabischen Golfstaaten auf September verschoben; das dürfte nicht nur mit den angeführten Terminschwierigkeiten zu tun haben.

          Juli 2017 : Ist die Qatar-Krise eine Gefahr für deutsche Firmen?

          Qatar sei „stärker denn je“

          Am 5. Juni 2017 verhängte das Quartett aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein und Ägypten eine Blockade gegen Qatar. In einer gut orchestrierten Kampagne schlossen die Länder ohne Vorwarnung ihre Grenzen, sperrten den Luftraum, verwiesen qatarische Bürger ihrer Länder und riefen zugleich ihre eigenen Staatsbürger aus Qatar zurück. Sie warfen der Führung in Doha vor, Terrorismus zu unterstützen. Mit Verzögerung stellten sie Forderungen: Qatar solle aufhören, islamistische Gruppen in der Region zu unterstützen, auf ihre iranfeindliche Linie einschwenken, den Sender Al Dschazira schließen. Das schwerreiche und eigensinnige Emirat sollte, für jeden gut sichtbar, zusammengestutzt werden. Es war ein heftiger Schock, aber auf Hamsterkäufe in den Supermärkten folgten rasch Witze über Fluchtyachten. Die Führung in Doha hat sich gut mit dem Embargo eingerichtet. Sie verweigert den Kniefall. Das Land sei „stärker denn je“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Verteidigungsminister Khalid bin Muhammad al Attiyah am Wochenende. Er pries die nationale Produktion, die erheblich ausgeweitet worden sei, etwa was Medikamente und Lebensmittel betreffe.

          Tatsächlich hat sich Qatar als widerstandsfähig erwiesen. Die Gasproduktion, die wichtigste Erwerbsquelle, wurde ausgeweitet. Güter, die zuvor aus den Nachbarländern eingeführt wurden, werden nun im Land selbst produziert. Tausende Kühe sind eingeflogen worden, sie geben jetzt in klimatisierten Ställen in der Wüste ihre Milch für die Unabhängigkeit von Joghurt aus saudischer Produktion. Über die Türkei und Iran wurde eine Transportroute eingerichtet, über die nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Ersatzteile nach Qatar gelangen. Der Internationale Währungsfonds vermerkte im März, die wirtschaftlichen Folgen des Embargos seien „größtenteils vorübergehend“, es seien schnell neue Handelsrouten erschlossen worden, die Banken hätten sich den neuen Gegebenheiten angepasst.

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