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Putschversuch in Tschad : Rebellen ziehen sich zurück - UN-Resolution vertagt

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Bild: FAZ.NET

Nach erbitterten Straßenkämpfen haben sich die Rebellen, die am Wochenende die tschadische Hauptstadt angegriffen hatten, in der Nacht nach eigenen Angaben aus N'Djamena zurückgezogen. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich am Sonntag nicht auf eine Erklärung zur dortigen Lage einigen.

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          Die Rebellen in Tschad haben sich nach eigenen Angaben aus der Hauptstadt N'Djamena zurückgezogen. Rebellensprecher Abderaman Koulamallah sagte am Montag, der Rückzug sei in der Nacht erfolgt. Man wolle der Bevölkerung die Möglichkeit geben, die Stadt zu verlassen. Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben der Rebellen gab es nicht.

          Der tschadische Innenminister Ahmat Mahamat Bachir sagte in der Nacht, die Hauptstadt sei wieder unter der Kontrolle der Regierungstruppen. In den Straßen von N'Djamena patrouillierten nach Angaben eines Augenzeugen Soldaten. Die französische Luftwaffe flog unterdessen mehr als 700 Ausländer aus dem Land aus, um sie vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen.

          Russische Delegation verzögert UN-Erklärung

          Trotz der dramatischen Lage hat sich der UN-Sicherheitsrat am Sonntag nicht auf eine offizielle Erklärung einigen können. Nach dreieinhalbstündiger Debatte vertagten sich die Mitglieder des höchsten Gremiums der Vereinten Nationen ohne Ergebnis auf Montag. Diplomaten sagten, Russland habe sich gegen einen französischen Textentwurf gesperrt. Darin sollten die UN-Mitglieder aufgerufen werden, die tschadische Regierung von Präsident Idriss Déby „mit allen notwendigen Mitteln“ zu unterstützen, was auch ein militärisches Eingreifen gegen die Rebellen bedeuten würde.

          Panzer der Armee verteidigten den Amtssitz von Präsident Idriss Deby

          In einem späteren Entwurf war nur noch davon die Rede, dass die UN-Mitglieder der Regierung all die Unterstützung zukommen lassen sollten, um die Präsident Déby offiziell bittet. Die russische Delegation forderte daraufhin mehr Zeit, um sich mit der Regierung in Moskau abzustimmen. Der französische UN-Botschafter Jean-Maurice Ripert sagte, eine Einigung sei nun zum Greifen nahe: „Wir hoffen, dass wir am Montagmorgen so weit sind.“

          Die außerordentliche Sitzung des UN-Sicherheitsrats war am Sonntag auf Antrag Frankreichs sowie der drei nicht-ständigen Mitglieder Libyen, Burkina Faso und Südafrika einberufen worden, nachdem sich die Kämpfe in Tschad zwischen Rebellen und Regierungstruppen über das Wochenende deutlich zugespitzt hatten. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe und äußerte sich besorgt über die humanitäre Lage in dem zentralafrikanischen Land.

          Straßenkämpfe in der Hauptstadt

          Am Wochenende hatten sich Regierungstruppen und Rebellen in N'Djamena erbitterte Straßenkämpfe geliefert. 1000 bis 1500 Kämpfer waren am Samstag nach einem dreitägigen Marsch von Osten kommend in die Stadt vorgestoßen. Trotz des Einsatzes von Panzern und Kampfhubschraubern war es den Regierungstruppen zunächst nicht gelungen, die Angreifer zurückzuschlagen.

          Nach einer nächtlichen Pause flammten die Kämpfe am Sonntag wieder auf. Die Rebellen kontrollierten am Sonntag große Teile N'Djamenas. Panzer der Armee verteidigten den Amtssitz von Präsident Idriss Déby. Er soll sich in seinem Palast im Stadtzentrum verschanzt haben und Widerstand leisten. Während die Rebellen behaupteten, die ganze Stadt zu kontrollieren, behauptete der tschadische Außenminister, die Regierungstruppen seien auf dem Vormarsch. Bei dem Machtkampf in Tschad wurden nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen mehrere hundert Menschen verletzt.

          Paris unterstützt den Präsidenten

          „Niemand kann sagen, wer gewinnen wird“, sagte der französische Militärsprecher in N'Djamena, Hauptmann Christophe Prazuck. Als ehemalige Kolonialmacht unterstützt Frankreich die Regierung von Präsident Déby.

          Das tschadische Militär hat nach eigenen Angaben auch einen Angriff Sudans zurückgeschlagen. Eine Gruppe aus Soldaten des Nachbarlandes, Rebellen und Milizen sei mit Fahrzeugen, Hubschraubern und Pferden in die Grenzstadt Adre im Osten Tschada eingedrungen, hieß es. Der Ort liegt an der Grenze zur westsudanesischen Krisenregion Darfur. „Wir konnten sie wieder zurücktreiben“, sagte ein tschadischer Offizier.

          Frankreich hat etwa 1400 Soldaten in Tschad

          Der französische Verteidigungsminister Hervé Morin sprach von einer entscheidenden Phase der Kämpfe. Déby habe 2000 bis 3000 Mann unter seinem Befehl. Frankreich hat etwa 1400 Soldaten in Tschad, darunter 1200 in der Hauptstadt. Allerdings vermeidet es Paris mit Rücksicht auf eine geplante EU-Friedenstruppe offenbar, direkt zu intervenieren.

          Stattdessen konzentrieren sich die französischen Soldaten auf den Schutz der Ausländer in Tschad. Bis Sonntagmittag wurden nach Angaben Prazucks etwa 500 Ausländer nach Gabun geflogen, etwa 600 kamen in Sammelstellen der französischen Truppen in N'Djamena zusammen.

          Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte: „Nach Regierungsangaben befindet sich in Tschad eine niedrige dreistellige Zahl deutscher Staatsbürger, von denen ein Teil gegebenenfalls aus dem Land gebracht würde.“

          Seit 1960 immer wieder Bürgerkriege in Tschad

          Tschad wird seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 immer wieder von Bürgerkriegen heimgesucht. Seit der Entdeckung umfangreicher Ölvorkommen haben sich die Konflikte zugespitzt. Erst 2006 scheiterte eine Rebellenoffensive gegen Déby, der 1990 an der Spitze einer Militärrevolte an die Macht kam. Bei den jetzt in die Hauptstadt eingedrungenen Rebellen handelt es sich um ein fragiles Bündnis aus drei Organisationen. Die größte ist die erst Ende 2006 gegründete Union der Kräfte für Demokratie und Entwicklung (UFDD) unter der Führung des ehemaligen Offiziers Mahamat Nouri.

          Zu den Hintergründen des Aufstands gehört neben internen Spannungen in den Streitkräften auch der Konflikt in der sudanesischen Region Darfur. Die Rebellen werfen Präsident Déby vor, die Rebellen in Darfur nicht genügend zu unterstützen, obwohl diese Débys Stamm, den Zaghawa, angehören. Die Afrikanische Union erklärte auf ihrem Gipfel in Addis Abeba, sie werde eine von den Rebellen gebildete Regierung in Tschad nicht anerkennen. Sie rief den libyschen Staatschef Muammar al Gaddafi und den Präsidenten von Kongo-Brazzaville, Denis Sassou-Nguesso, dazu auf, ein Friedensabkommen auszuhandeln.

          Stichwort: Tschad

          Die zentralafrikanische Republik Tschad hat rund 7,6 Millionen Einwohner, von denen 615.000 in der Hauptstadt N'Djamena leben. Die meisten sprechen Tschad-Sara, Barma oder Doza, aber die Amtssprachen sind Arabisch und Französisch; das Parlament heißt Assemblée Nationale, die Währung Franc. Die Hälfte der Tschader, deren Lebenserwartung 44,7 Jahre beträgt, sind sunnitische Muslime, jeweils ein Viertel sind Animisten, also naturreligiös, und Christen. Als die Franzosen 1891 nach Tschad vordrangen, gab es dort mehrere muslimische Königreiche. Seit 1905 war Tschad einem in Brazzaville stationierten französischen Generalgouverneur unterstellt.

          Eine eigene Kolonie wurde Tschad 1920. Aber die Franzosen kümmerten sich mehr um ihre produktiveren Besitzungen weiter im Süden als um das Land, in dem es außer Baumwolle und Arbeitern nicht viel zu holen gab. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Tschad nach der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland 1940 als erste Kolonie dem „Freien Frankreich“ unter General de Gaulle an. 1958 wurde Tschad „Autonomes Mitglied“ der „Französischen Gemeinschaft“.

          Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1960 wurde François Tombalbaye Präsident. Er verbot 1962 erst einmal alle Parteien außer seiner eigenen. Ein Putsch beendete seine Herrschaft 1975. Bis 1978 regierte das Militär, dann herrschte Bürgerkrieg bis 1982. Libysche Truppen drangen von Norden ins Land; sie wurden von der französischen Operation Epervier verdrängt. Den Frieden regelte 1989 der Vertrag von Algier. Idriss Déby ist seit 1990 Staatsoberhaupt der Präsidialdemokratie.

          Der aktuelle Konflikt im Osten Tschads ist mit dem Bürgerkrieg im sudanesischen Krisengebiet Darfur verflochten. Etwa 240.000 Flüchtlinge aus dem östlichen Nachbarland Sudan leben in Lagern in Tschad zusammen mit rund 180.000 Tschadern aus der Grenzregion, die wegen der Kämpfe ihre Häuser verlassen mussten. Tschad und Sudan werfen einander vor, Rebellen im jeweils anderen Land zu unterstützen. In Tschad stießen die Rebellen im April 2006 auf die Hauptstadt N'Djamena vor. Regierungstruppen wehrten den Angriff ab. Seitdem kam es immer wieder zu Kämpfen, Hunderte Menschen starben.

          Die Entsendung einer Friedenstruppe haben am vergangenen Montag die Außenminister der Europäischen Union beschlossen. Die bis zu 3700 Soldaten sollen Flüchtlinge und Hilfsorganisationen in Tschad beschützen. Die Kämpfe verzögern jedoch die Entsendung, und die Rebellen drohen, die EU-Soldaten anzugreifen. Deutschland beteiligt sich nicht mit Truppen an dem Einsatz. (flf./F.A.Z.)

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